Berlin : Müsterchen für die Kittelschürze

Flaggenwechsel im Roten Rathaus: Designer stellen ihre Stoff gewordenen Ideen für ein neues Berliner Wappen vor. Sie fanden, der Bär sei in die Jahre gekommen

Christian van Lessen

Kassandra wendet ihr feines und weißes Gesicht entsetzt ab. Als ob sie das Elend über ihrem Kopf nicht sehen wollte. Dabei wird, was da oben hängt, vom Regierenden Bürgermeister gerade so wohlwollend betrachtet. Kassandra aber streckt den rechten Arm in leichtem Winkel, wie zur Abwehr. Ahnt sie, die unglückliche Schicksale vorhersehen konnte, was auf die Stadt zukommt? Über Kassandra, die da mit anderen Figuren als Gipsskulptur im ehrwürdigen Säulensaal des Roten Rathauses steht, hat sich Merkwürdiges getan. Da hängen rund 30 Flaggen, die eine Berliner Flagge sein sollen, von denen viele aber ganz anders aussehen und etliche nicht mal einen Bären zeigen.

Eine Berliner Flagge ohne Bären? Gnadenlose Designer waren am Werk, haben sich von alten Zöpfen getrennt und sich Gedanken gemacht, wie Berlins Flagge verändert werden könnte. Sie meinen, auch ein Bär komme nach mehr als 700 Jahren in die Jahre, mindestens ins Vorruhestandsalter.

Aber, mal ehrlich, wer kann dem alten Bären, der mit der Laubkrone von rechts nach links marschiert, wirklich das Wasser reichen? Der Döner vielleicht, der, von weitem betrachtet, auch eine Eiswaffel mit Strohhalm sein könnte? Der Designer, der dieses Motiv entworfen hat, wollte damit das Zusammenleben von Deutschen und Türken symbolisieren. Hätte dann nicht auch die Currywurst dazugehört? Auch der Fernsehturm kommt auf einer Flagge zu Ehren und das Brandenburger Tor, aber da muss der Betrachter schon genauer hinsehen. Eine andere Fahne besteht aus Reißverschlüssen, Teile lassen sich abtrennen und nach Belieben gestalten. Von weitem sehen etliche Motive, mit Verlaub, wie bedruckte Kittelschürzen aus. Eine ist mit roten Herzen versehen. Warum auch nicht? „Berlin, das ist die Frau mit der Schürze“, sang Hildegard Knef einst mit kloßigem Unterton und stellte fest, Berlins Gesicht habe Sommersprossen. Die immerhin fehlen auf den Flaggen, doch dafür steht auf einer ein selbstbewusstes „Icke“.

Immerhin: Etliche Bären halten die Stellung, einer jongliert mit Bällen, einer frisst sich durch das Rot einer Fahne, die der belgischen ähnelt. Es sieht aus, als beiße er in eine Melone. Organisator Oliver Vogt vom Designbüro Vogt + Weizenegger gibt Interpretationshilfe: „Der kleine Bär als Genießer im Schlaraffenland“. Der Stadt und dem Land gehe es, verglichen mit anderen Städten und Ländern in der Welt, gar nicht so schlecht. Eine andere Flagge scheint der städtischen Finanzmisere eher Rechnung zu tragen. Weiß und rot ist sie, wie das gewohnte Wappen – aber ohne Bär. Dafür steht dort in drei Sprachen: „Werbefläche zu vermieten“ – auch auf Japanisch. In Tokio wurde übrigens die Ausstellung der Flaggen-Entwürfe für Berlin schon im letzten Jahr gezeigt, in der deutschen Botschaft am Tag der Deutschen Einheit. Da wurden, unter freundlicher Beteiligung der Marketing-Organisation Partner für Berlin, auch kleine Brandenburger Tore verteilt – in Bürstenform. Die eingeladenen Japaner waren begeistert.

Nun gibt das erstmals veranstaltete „Designmai“-Festival ( www.designmai.de ) den Rahmen, die Flaggen zu zeigen. Die Stoff-Fantasien, von Ventilatoren mitunter in Bewegung gehalten, sind hauptsächlich von Berliner Designern entworfen. Die Ausstellung im Roten Rathaus ist noch bis Freitag zu sehen. Wer im Säulensaal nicht nur nach oben schauen will, könnte auch Kassandras Gesicht beobachten.

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