• Multikulturelles Publikum, zuvorkommender Service - das entschädigt für das eher karge Innere

Berlin : Multikulturelles Publikum, zuvorkommender Service - das entschädigt für das eher karge Innere

Elisabeth Binder

Chausseestr. 131, 10115 Berlin-Mitte, Tel. 280 77 59, geöffnet: täglich ab 9, am Wochenende ab 10 Uhr, Kreditkarten: keineElisabeth Binder

Mit den Restaurants ist das ganz ähnlich wie mit den Menschen: Ausstrahlung ist im Grunde wichtiger als Reichtum und Schönheit. Ein attraktiver Mensch muß kein Model mit entsprechendem Bankkonto sein, und ein nettes Restaurant braucht nicht unbedingt vierstellige Weinpreise und drei Sterne im Michelin, um seine Gäste zufriedenzustellen.

Das merkt man schon bei der Reservierung. "Lieber am Fenster? Oder auf der Empore?" Offensichtlich kam es der Frau am anderen Ende der Leitung darauf an, für uns einen Platz zu finden, mit dem wir an diesem Abend glücklich würden. Das wirkt einladend und entschädigt für einen gewissen Mangel an den äußeren Insignien des Luxuslebens.

Die Einrichtung des türkischen Restaurantcafés Malete ist recht karg, so ein mittelspartanischer Kaffeehaus-Stil ohne Tischdecken, ohne Schnickschnack. Das ist in dieser (Preis-)Klasse sicherlich ehrlicher als Experimente mit Folklore, die oft schiefgehen. Außerdem zeigt die Kellnerin keinerlei Ungeduld, als es mit der Aperitif-Auswahl etwas länger dauert. Im Gegenteil, sie rät zu diesem und jenem Getränk, recherchiert unsere Geschmacksrichtung ganz so, als befänden wir uns im Prolog eines 180-Mark-Menüs. Kein Wunder, daß sich das Lokal rasch füllt.

Das Publikum ist szenig bis elegant, auf jeden Fall multikulturell mit einem Sinn für aufmerksamen Service. Wie die Kellnerinnen es schafften, an jedem Tisch ausgiebig zu beraten, ohne darüber in Hektik zu geraten, haben wir zwar nicht ganz verstanden, aber doch mit einiger Bewunderung zur Kenntnis genommen. Mein Begleiter war ungewohnt mainstreamig drauf und meinte, daß dies ein Lokal mit Seele sei. Sachen mit Seele sind im Moment sehr schick, aber ich glaube, er hatte trotzdem recht.

Zu Campari und Sekt aßen wir türkisches Fladenbrot mit Tomate und Öl und wohl auch Knoblauch angerichtet, sehr lecker. Dem Stil des Hauses entspricht der Vorspeisenteller mit acht Köstlichkeiten und einem kleinen, liebevollen Highlight in Gestalt einer brennenden Kerze, die in einer Orange steckte. Drumherum Tomaten, Oliven, Pepperoni, Bohnen, gefüllte Weinblätter, Kichererbsenpüree, Cacik und verschiedene andere, exotisch gewürzte cremige Salatzubereitungen. Da wäre Mozzarella wirklich nicht auch noch nötig gewesen. Der wirkte sogar richtig fehl am Platz (18,50 DM). Wer es weniger bunt durcheinander mag, kann aus der Auswahl auch eines herausgreifen, und das dann als größere Portion bekommen. So hielt es mein puristischer Begleiter mit dem Möhren-Joghurt-Arrangement (10,50 DM).

Die Beilagen-Salate wurden nach guter mediterraner Sitte bereits vor dem Hauptgang serviert, schön kleingeschnitten. Mit einer weniger angenehmen Sitte hat mein Begleiter, der nicht nur ein Blankenese-, sondern auch noch ein Garnelen-Fan ist, gelegentlich zu kämpfen gehabt. Manche Köche backen sie in aufwendigen Saucen, lassen aber die Schale dran. Das gibt auf dem Eßtisch in aller Regel eine riesige Sauerei. Diesmal fragten wir vorher, und nach einer Erkundigung in der Küche, hieß es, daß die Schalen selbstverständlich entfernt würden: "Wir machen das für Sie. "

Sie waren dann auch ganz köstlich mit Tomaten, Paprika und Champignons überbacken. Dazu gab es Reis (26,50 DM). Ähnliche Beilagen zum geschnetzelten Lammfleisch, das tadellos zubereitet war (25,50 DM). Zum Nachtisch hätte es Joghurt mit Honig und Früchten gegeben, aber das konnten wir nicht mehr probieren, weil die vorangegangenen Gerichte so reichlich waren und so gut, daß wir sie komplett aufgegessen haben. So eine Ahnung von orientalischer Gastfreundlichkeit wird noch in Nuancen erkennbar. Irgendwann muß man auch das charmanteste Lokal einmal verlassen, und vorher fällt die Frage: "Können wir zahlen?" Kam es würdevoll zurück: "Sie dürfen. "

Dann müssen wir gewiß auch bald einmal wiederkommen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben