Berlin : Multiple Sklerose: Behandlung verweigert

Amory Burchard

Im Streit um die Finanzierung von Medikamenten für Multiple-Sklerose-Kranke werfen MS-Spezialisten den Krankenkassen vor, ihren Mitgliedern wirksame Therapien vorzuenthalten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres habe sie im Jüdischen Krankenhaus gegenüber dem Jahr 2000 nur noch die Hälfte der Patienten mit Immunglobulinen, Copaxone und Mitoxantron behandeln können, klagt Neurologie-Chefärztin Judith Haas (zur Wirkung der Medikamente siehe oben). Statt 1500 Kranken hätte sie nur noch 750 helfen können.

Eine Reihe von Berliner Kassen, vor allem die BKK Berlin und die AOK, weigerten sich,die Behandlung mit diesen nachgewiesenermaßen wirksamen Medikamenten zu bezahlen, sagten Vertreter der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände dagegen bestätigt lediglich, dass die Kassen derzeit die Behandlung mit Immunglobulinen nicht mehr finanzieren. Vor dem Hintergrund des wegen gefährlicher Nebenwirkungen vom Markt genommenen Cholesterin-Senkers Lipobay sei es nicht zu verantworten, ein nicht zugelassenes Medikament zu verordnen, sagte eine Sprecherin der Barmer Ersatzkasse für den Kassenverband.

Copaxone und Mitoxantron seien zwar in Deutschland auch noch nicht zugelassen, ihre Wirksamkeit aber durch Studien belegt. Deshalb könnten diese Medikamente nach "Einzelfallprüfungen durch den Medizinischen Dienst" bezahlt werden. Im übrigen verweisen die Kassen auf seit Jahren zugelassene MS-Medikamente wie Interferone.

Judith Haas vom Jüdischen Krankenhaus und ihr Fachkollege Hans-Jürgen Boldt, ein niedergelassener Neurologe und Sprecher einer Gruppe von Berliner MS-Spezialpraxen, wollen die Kassen-Argumente gegen die noch nicht zugelassenen Medikamente nicht gelten lassen. Zwanzig Jahre lang hätten sie Immunglobuline und Mitoxantron erfolgreich und ohne Beanstandung durch die Kassen verordnet. Mit Copaxone therapierten sie seit vier Jahren - und die Kassen hätten gezahlt.

Alle Beteiligten hätten sich im Fall von Copaxone und Mitoxantron auf großangelegte internationale Studien und Behandlungserfolge verlassen. Bei beiden Medikamenten stehe die Anerkennung in Deutschland kurz bevor. Die zur Anerkennung nötigen großen Immunglobulin-Studien liefen, positive Ergebnisse kleinerer Tests lägen aber schon vor. Der plötzliche Zahlungsstopp der Kassen sei ein Willkürakt. Er habe nichts mit der Qualität der Medikamente zu tun. Vielmehr sei die angespannte finanzielle Lage der Berliner Kassen dafür verantwortlich zu machen. In anderen Bundesländern gebe es keine Probleme mit den Verordnungen. Mit den zugelassenen und von den Kassen anerkannten Interferonen werde im übrigen in Praxen und Kliniken gearbeitet.

Nach der Schub-Behandlung mit Cortison werde zunächst eine solche Therapie versucht und fortgesetzt, wenn sie wirksam sei. Aber dies sei nicht bei allen Patienten der Fall. Nur die noch nicht zugelassenen Medikamente könnten den Verlauf der unheilbaren Krankheit verzögern. Für MS-Kranke mit Kinderwunsch oder schwangere Patientinnen, wie Jacqueline Schubert (im Foto rechts), seien Immunglobuline sogar ohne Alternative.

Die Weigerung der Kassen, laufende Therapien mit den drei Medikamenten zu bezahlen, setzt nicht nur die Patienten finanziell unter Druck. Niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser, die in diesem und im vergangenen Jahr Immunglobuline, Mitoxantron und Copaxone verordnet haben, sehen sich hohen Regressforderungen gegenüber. Bis zu 95 000 Mark für das Jahr 2000 hätten die Kassen von einzelnen MS-Spezialisten zurückgefordert, sagt Neurologe Hans-Jürgen Boldt. Bei der Charité sollen die Kassen-Forderungen für MS-Therapien rund 100 000 Mark betragen. Das Uni-Klinikum behandle seine Patienten bislang weiterhin mit den von den Kassen auf den Index gesetzen Medikamenten - auf eigenes finanzielles Risiko, sagt Judith Haas. Das Jüdische Krankenhaus reagierte anders: Dort werden nur MS-Kranke zur Infusionstherapie aufgenommen, wenn die Medikamente auf der von der Kasse genehmigten ärztlichen Einweisung vermerkt sind. Ansonsten werden die Patienten wieder nach Hause geschickt - wenn sie nicht selber zahlen können.

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