Berlin : Multiple Sklerose: Die Nervenprobe geht weiter

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In den Fall der 44-jährigen MS-Patientin und Mutter von sechs Kindern, den der Tagesspiegel vor zwei Wochen geschildert hatte, ist Bewegung gekommen. Die Techniker-Krankenkasse (TK) sagte Sabine P. jetzt zu, das Medikament Polyglobin aus der Gruppe der Immunglobuline vorerst wieder zu bezahlen. Die Genehmigung gelte zunächst nur für den Oktober, so eine Sprecherin. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) prüfe derzeit den vom Neurologen der Patientin dokumentierten Krankheitsverlauf und werde demnächst entscheiden, ob die Behandlung mit dem umstrittenen - und teuren - Medikament fortgeführt werden könne.

Immunglobuline, die für die MS-Therapie nicht offiziell zugelassen sind, könnten nur in Einzelfällen verordnet werden, "wenn alle vorherigen Therapien nicht angeschlagen haben", heißt es bei den Kassen. Aus deren Sicht gilt ein anderes Medikament, Interferon, als Mittel der ersten Wahl. Dieses hatte aber bei Sabine P. schwerwiegende Nebenwirkungen. Die im Tagesspiegel vorgestellte Patientin ist kein Einzelfall. Rund 1200 MS-Kranke in Berlin wurden bis vor drei Monaten erfolgreich mit Immunglobulinen behandelt und warten jetzt auf eine Grundsatzentscheidung der Kassenverbände, sagt die Deutsche MS-Gesellschaft. Diese sollte spätestens Ende September bei einem Treffen von Ärzte- und Kassenvertretern gefunden werden. Doch dazu kam es nicht, sagte die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Annette Kurth.

Bei dem Gespräch sollte auch eine Übereinkunft zu einer ganzen Reihe von gleichfalls umstrittenen Krebsmitteln zustande kommen. Wie berichtet, erhalten zahlreiche Krebskranke diese Präparate seit vielen Jahren, obwohl sie zur Bekämpfung des jeweiligen Tumors nicht zugelassen sind, sondern nur für andere Karzinome eine Zulassung haben. Aus Sicht der Ärzte gibt es Studien und vielfältige Erfahrungen, die ihre Wirksamkeit belegen und sie häufig als letzte Chance ausweisen. Deshalb übenahmen die Kassen jahrelang die Kosten, doch nun stellen sie sich quer und verweigern die Zahlung mit dem Argument, es fehle die Zulassung. Das geplante Treffen wurde laut KV auf Bitten der Kassen um zwei Wochen verschoben. Für die betroffenen Patienten, aber auch für die verunsicherten Ärzte sei dies eine unzumutbare Situation, sagt KV-Sprecherin Kurth.

Auch der Fall einer 29-jährigen voll berufstätigen Juristin ruft nach einer schnellen Entscheidung. Die Frau wurde nach eigenen Angaben zwei Jahre lang erfolgreich mit Immunglobulinen behandelt. Seit drei Monaten weigere sich ihr Arzt, das Medikament weiter zu verordnen - wegen drohender Schadensersatzforderungen durch die TK. Im August, einen Monat, nachdem das Medikament abgesetzt wurde, erlitt die MS-Kranke einen schweren Schub. Ihr Arzt vertröste sie, habe sie sogar gebeten, sich einen anderen Neurologen zu suchen, sagt die Patientin.

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