Berlin : Mund auf!

Andreas Conrad

Wir Deutschen gelten als ein Volk der Dichter und Denker oder auch, je nach historischer Lage, der Richter und Henker. Als Sänger haben wir uns im Bewusstsein der Völker nie recht etablieren können, allenfalls durch bierselige Trink- oder blutdürstige Schlachtgesänge. Ja, internationale Liederabende, etwa abends nach den Dreharbeiten zu „Stille Nacht“, enden für uns allzu oft in Peinlichkeit. Franzosen, Engländer, Schotten, so berichtete Schauspieler Daniel Brühl, schmetterten gern ihr jeweiliges Liedgut in die Runde, die Deutschen reagierten eher betreten. Man kann daher den Versuch, uns zu massenhaftem Singen zu animieren, gar nicht hoch genug einschätzen – damit wir im Chor der Völker nicht vereinsamen und überhaupt. „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, lehrte schon 1804 Johann Gottfried Seume, anerkannter Dichter und Denker. Ein Weg aus allem Übel der Welt? Dann wäre die Diskussion über Ethikunterricht rasch zu beenden und massenhaftes Singen an den Schulen zu forcieren. Selbst wenn es bei den meisten Rabauken der Schulbank kaum zu klassischer Chormusik, sondern allenfalls zu Karaoke reicht.

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