Mundpflege im Alter : „Das schlimmste Problem ist Zahnhalskaries“

Die Pflege der Zähne wird mit zunehmendem Alter immer aufwändiger. Ein Gespräch mit einem Experten: Helmut Kesler ist ein niedergelassener Zahnarzt, der auch im Pflegeheim arbeitet.

Mundpflege im Alter: eine besondere Herausforderung
Mundpflege im Alter: eine besondere HerausforderungFoto: Imago

Herr Kesler, Sie sind als Zahnarzt regelmäßig in Altenheimen tätig, welche Probleme begegnen Ihnen dort am häufigsten?

Das generelle Problem, das wir in Seniorenheimen haben, ist eine unzureichende Mundhygiene. Je nach Veranlagung kommt es zu Folgeerkrankungen wie Parodontitis oder Karies. Am gravierendsten ist bei älteren Leuten die Zahnhalskaries, die sich rasant entwickelt und zu massive Schäden um den Zahn führt, so dass die Zähne nach und nach abbrechen.

Ist Mundhygiene für pflegebedürftige Leute besonders wichtig?

Ja, denn leider werden die Zähne im Alter immer instabiler und die Zahnzwischenräume größer. Je mehr Nischen, umso schwieriger wird die Reinigung und auch das manuelle Geschick nimmt im Alter zum Teil rapide ab. Der Aufwand für Mundpflege wird dann immens groß, doch in den Pflegeverträgen ist das Zeitpensum dafür knapp bemessen. Glücklich sind dann die Patienten, die noch über ausreichende manuelle Fähigkeiten verfügen oder bereits Totalprothesen haben, deren Pflege relativ einfach ist.

Eine Totalprothese ist im hohen Alter also erstrebenswert?

Nein, das kann man natürlich nicht verallgemeinern, es kommt immer auf die individuellen Lebensumstände des Patienten an. Wenn der Patient sich nicht mehr selbst pflegen und die Pflege nicht gewährleistet werden kann, steigt das generelle Erkrankungsrisiko. Dann muss man zum Wohle des Patienten über eine Alternative zum Zahnerhaltungskonzept nachdenken. Denn viele Studien belegen, dass kariös erkrankte Zähne, ein entzündlich veränderter Zahnhalteapparat und sonstige Munderkrankungen das Risiko für Infektionskrankheiten erhöhen.

Für welche Infektionskrankheiten etwa?

Das Risiko für Erkrankungen der oberen Atemwege, zum Beispiel Lungenentzündungen, steigt in Verbindungen mit parodontalen Erkrankungen im Alter stark an, besonders bei Patienten mit erhöhtem Pflegebedarf. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Patienten, die an einer Parodontitis leiden, ein erhöhtes Risiko für Rheuma, Diabetes, Schlaganfall oder Herzinfarkt haben. Mitverursacher gefährlicher Herz-Kreislauf- Erkrankungen sind atherosklerotische Plaques, durch Ansammlung von Bakterien hervorgerufene entzündliche Stellen in den großen Blutgefäßen. Die Bakterien können von Entzündungsherden im Zahnhalteapparat stammen, werden vom Blutkreislauf in die Gefäße transportiert und können dort zu vermindertem Blutdurchfluss führen.

Ist ein gesunder Mund auch Grundlage für eine gesunde Ernährung im hohen Alter?

Nicht unbedingt, die Heime sind darauf eingestellt, gesunde Kost anzubieten, die man ohne Zähne gut zu sich nehmen kann. Das Problem ist, dass viele Speisen, die zum Teil über externe Anbieter geliefert werden, stark mit Zucker versüßt sind. Zucker ist der Kariestreiber Nummer eins und lässt den Speisebrei wunderbar an den Zähnen anhaften. Damit wird die Kariesspirale in Gang gesetzt.

Seit 2014 gibt es eine Rahmenvereinbarung für Kooperationen zwischen Pflegeheimen und Zahnärzten. Was müssen Kooperationszahnärzte leisten?

Sie müssen im Gegensatz zu Kollegen ohne Kooperationsvertrag garantieren, dass sie kurzfristig zur Verfügung stehen. ruft mich das Heim am Montagmorgen an, weil es einen Notfall gibt, ist das so, als würde ein Schmerzpatient in meine Praxis kommen. Ich muss dann zeitnah reagieren, in der Regel noch am selben Tag. Es ist allerdings nicht so, dass ich 100 Prozent der Heimbewohner betreue. Das geht nur mit Einverständnis des Patienten oder des Betreuers. Wenn ein Patient nicht möchte, ist er nicht dazu verpflichtet, sich vom Kooperationszahnarzt behandeln zu lassen, es gibt ja die freie Zahnarztwahl.

Ist die Rahmenvereinbarung ein Erfolg?

Die Versorgung hat sich seit 2014 sicherlich verbessert, Zahnärzte und Heime sind für das Thema sensibilisiert worden, aber von flächendeckender Versorgung sind wir noch weit entfernt. In Berlin haben bisher nur 139 von 400 Einrichtungen einen Kooperationsvertrag. Ich wundere mich schon, dass in manchen Heimen der Begriff Kooperationsvertrag immer noch Fremdwort ist.

Nur ein Viertel aller deutschen Seniorenheime haben einen Kooperationsvertrag.

Das liegt auch daran, dass es für sie in Flächenländern schwierig ist, einen Zahnarzt zu finden. Wenn der für eine Notfallbehandlung viele Kilometer anreisen muss, wird es schnell unwirtschaftlich.

Welche Behandlungen können Zahnärzte im Heim überhaupt vornehmen?

Jeder Zahnarzt hat eine eigene Ausstattung für die Heimbetreuung. So bieten einige Kollegen sogar Füllungstherapien an. Einfache prothetische Reparaturarbeiten, Anfertigung von Totalprothesen oder Teilprothesen mit Klammerverankerung sind problemlos realisierbar. Auch einfache Extraktionen sind möglich, wenn sichergestellt ist, dass keine Komplikationen eintreten. Komplexere Eingriffe sollten in der Praxis oder in Kliniken vorgenommen werden.

Gibt es beim Pflegepersonal Wissensdefizite in Sachen Mundpflege?

Ja, sie sind zwar dazu verpflichtet, je nach Pflegegrad des Patienten die individuelle Mundpflege zu unterstützen oder ganz durchzuführen, aber in den Pflegeschulen wird das nicht ausreichend gelehrt. Dass es verschiedenste Arten von Zahnersatz gibt, wissen viele nicht. In Sachsen-Anhalt gibt es ein wunderbares Projekt, bei dem Pfleger im Rahmen ihrer Ausbildung in Zahnarztpraxen hospitieren und zahnärztliche Fachangestellte in Pflegeheimen. Das sensibilisiert beide Seiten. In Berlin organisieren wir Seminare in Pflegeschulen, um zahnärztliche Themen anzusprechen und zu vertiefen, aber von flächendeckender Fortbildung sind wir weit entfernt.

Sind Ihre pflegebedürftigen Patienten dankbar für ihre Besuche im Heim?

Absolut, in den Seniorenheimen ist der Besuch des Zahnarztes ein Highlight. Der psychosoziale Aspekt ist besonders wichtig: Für Patienten ist es schön, wenn mal jemand anderes auftaucht als das immer gleiche Personal. Ich bekomme viel positiven Zuspruch. Wenn man sich auf die Arbeit im Seniorenheim einlässt, erlebt man die menschlich rührendsten Geschichten.

Das Interview führte Mirco Lomoth. Helmut Kesler ist Zahnarzt mit eigener Praxis in Berlin-Hermsdorf und Kooperationszahnarzt des Pflegeheims „Haus Friedenshöhe“ in Berlin-Frohnau. Er ist Mitglied im Vorstand der Zahnärztekammer Berlin und der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ). Weitere Artikel zum Thema Pflege finden Sie im Magazin „Tagesspiegel Pflege Berlin 2017/2018“, zum Thema Zahngesundheit im Magazin „Tagesspiegel Gesunde Zähne“. Beide Magazine kosten jeweils 12,80 Euro und sind erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520 sowie im Zeitschriftenhandel.

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