Berlin : Musical: Cuba libre

Tanja Buntrock

Das Wichtigste waren die Putzmittel. Maia Wiest brachte einfach Schwämme, Lappen und Reiniger mit. Dann lief es: Sie bekam zum Proben die Räume einer alten Schule, wo - wie fast überall auf Kuba - der Putz von den Wänden bröckelt. Doch das nahm Maia Wiest in Kauf, um mit ihren Leuten das Latino-Musical "Paradise Road" proben zu können. Berlin-Premiere ist am morgigen Sonnabend, bis zum 11. November läuft das Stück in der Universal-Hall.

Maia Wiest hat es entwickelt und die Musik dazu geschrieben. Der Ort: eine fiktive Straße in einem ärmlichen Latino-Viertel in New York, von seinen Bewohnern ironischerweise Paradise genannt. Die Zeit: die 80er Jahre, als Kubaner in Booten von ihrer sozialistischen Insel flüchteten. "Das Leben der geflüchteten Kubaner in den USA ist das, was die Einheimischen am meisten umtreibt, überall wird darüber geredet", hat sie festgestellt. Doch deren Leben im Land der Träume ist wahrlich nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Identitätskrisen seien häufig die Folge.

Maia Wiest, 27 Jahre, braune, lange Haare, dunkle Augen und dunkle Stimme könnte selbst Kubanerin sein. Und das umso mehr, wenn die Berlinerin ihr Spanisch so ausspricht wie die Einheimischen. Dabei hatte sie lange Zeit keine Verbindung zu Kuba - abgesehen von der Musik. "Ich mochte schon immer lateinamerikanische Rhythmen", sagt sie bestimmt. In der Schule hat sie angefangen, sich mit Musicals zu befassen, findet aber, dass nur wenige gut sind. "A chorus line", "Fame" oder "Grease", zählt sie auf. Nach dem Abi ging sie für zehn Monate nach Bolivien. "Das hat sich so ergeben", erinnert sie sich. So, wie sich vieles in ihrem Leben einfach ergeben hat. Freunde von ihr lebten dort, also ist sie bei denen untergekommen, und hat die Chance genutzt, intensiv Spanisch zu lernen. Zurück in Berlin, konnte sie ihr Musik-Studium nur halbherzig betreiben. "Ich habe die Welt mit anderen Augen gesehen." Kein Wunder: Zwischen dem bolivianischen SOS-Kinderdorf, in dem sie gejobt hat und dem HdK-Hörsaal in Berlin liegen Welten. Mit einigen Studenten übte sie ihr erstes Musical "Esperanza" ein, auf Deutsch mit Latino-Musik. 1998 führte die Truppe es in der TU-Mensa auf. Die Studenten haben keine Gage genommen, so konnten immerhin die Produktionskosten wieder eingespielt werden.

Dann kam das große Loch. Maia Wiest grinst, als sie die Erinnerungen an jene Zeit wachruft. Doch als Kämpfer-Type habe sie es nicht lange ohne Ideen ausgehalten. Also schloss sie sich in ihrer Charlottenburger Wohnung ein, summte Melodien und erfand eine Handlung für das nächste Projekt. Manchmal in spanischem Kauderwelsch, wenn ihr die richtigen Begriffe nicht einfielen. Aber wen kümmert das? Die Idee ist der Anfang. Kurzerhand flog sie auf eigene Faust nach Kuba, um Tänzer und Sänger für ihr Musical zu finden. Nächtelang streifte sie durch die Bars von Havanna, wo sie später Eduardo Crespo kennen lernte. Er machte aus den Kauderwelsch-Dialogen etwas Vernünftiges und half ihr, die richtigen Leute zu finden. "Das Erste, was die Kubaner fragen, ist: Wo geht die Tour hin?" Wer mit dem Ausland locken kann, braucht nicht lange zu suchen. Und so kam es zu dramatischen Szenen während des Vorsprechens. "Wenn wir einigen sagen mussten, dass sie wieder gehen können, dann fingen die vor uns an, Rotz und Wasser zu heulen", erzählt sie. Ein wirklich guter Sänger, der auf dem Land wohnt, sei jeden Tag drei Stunden nach Havanna getrampt, um an den Proben teilnehmen zu können. Jetzt gehört er in das Ensemble der 20 Sänger und Tänzer, die demnächst in Deutschland auftreten können - nach einigem Hickhack mit den Behörden wegen der Visa.

Im Juli hat das Ensemble "Paradise Road" fünf Mal im "Theatro Americano", im Zentrum von Havanna aufgeführt. Die Leute seien begeistert gewesen, "weil sie sich sicher recht gut mit dem Inhalt des Stücks identifizieren können. Die leiden mit", sagt die Produzentin. Sogar der Chef vom "Tropicana", dem größten Kabarett dort, sei begeistert gewesen. In Deutschland hat das Ensemble kaum Zeit zu proben, die Künstler sind erst vier Tage vor der Premiere eingereist. "Aber die saßen vorher schon auf gepackten Koffern", sagt Wiest, "immer wieder wollten sie wissen, wie die Gegend so aussieht, in der sie wohnen werden." Für die Künstler scheint ein Traum wahr zu werden. "Das Paradies kann man nicht suchen, man muss es machen." Einigen Darstellern ist dieser Satz aus dem Musical in Fleisch und Blut übergegangen.

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