Musical im BKA-Theater : Sven Ratzke spielt wieder "Hedwig"

Der Kabarettist Sven Ratzke kehrt mit seinem androgynen Punk-Musical ins BKA zurück. Darin spielt er die Titelrolle - eine Frau. Er will sich nicht in Schubladen stecken lassen.

Milena Menzemer
Äußerlich ähnelt Sven Ratzke der Titelrolle Hedwig kaum.
Äußerlich ähnelt Sven Ratzke der Titelrolle Hedwig kaum.Foto: Mike Wolff

Heute wird Sven Ratzke wieder Hedwig. Dann reicht der Lidschatten bis unter die Augenbrauen. Hedwig trägt einen goldenen Glitzerfummel, die Stumpfhose aus Netz zerfetzt, rote Lackschuhe, die Absätze sind mindestens zehn Zentimeter hoch. Und natürlich die blonde Perücke.

Mittags in einem Café in Prenzlauer Berg ist davon wenig zu ahnen. Exzentrisch wirkt er schon, wie er mit Sonnenbrille, dem Strubbelhaar und übergeschlagenen Beinen dasitzt, Milchkaffee trinkt, wie man das hier eben so macht. Im Alltag ist Sven Ratzke eher zurückhaltend, er selbst hat dieses Kaffeehaus fürs Gespräch ausgesucht, „Sowohl als auch“ heißt es – das trifft es ganz gut. Sven Ratzke gröhlt und glitzert nicht. Bestimmte Seiten seiner Persönlichkeit hebe er sich für die Bühne auf. „Da benehme ich mich so, als ob mir jemand Drogen gegeben hätte“, sagt Ratzke. Wie eine Lok ziehe er dann das Publikum durch den Abend. Dabei spielt er in seinen eigenen Shows mit seiner Androgynität.

Die Geschlechtsumwandlung misslingt

Der Entertainer und Kabarettist tritt mit dem Punk-Musical „Hedwig and the Angry Inch“ bis Sonntag wieder im BKA-Theater in Kreuzberg auf. Ratzke in der Titelrolle. Ratzke als Hedwig. „Ein Glamshot voll in die Fresse Berlins“, verspricht (oder droht?) das Programm. Hedwig komme zurück, ob’s passe oder nicht. Premiere hatte Ratzke mit der Show schon im Juni im vergangenen Jahr. Ein Erfolg.

Hedwig – nach dem Buch von John Cameron Mitchell – ist zunächst ein Junge, der Hansel, er lebt in der DDR. Für einen amerikanischen Soldaten beschließt er, sich in eine Frau zu verwandeln, mit ihm will er aus Ostdeutschland fliehen. Das Skalpell des Chirurgen ist stumpf und die Geschlechtsumwandlung misslingt: Zurück bleibt ein „zorniger Zentimeter“, der titelgebende „Angry Inch“. „Endlich begegnen wir diesem unwiderstehlichen Geschöpf zwischen Ost und West, zwischen Mann und Frau, zwischen Glam und Gosse“, heißt es. Es gibt eine Band und auch die Männer zur Protagonistin, aber eigentlich ist das Musical eine One-Man- beziehungsweise One-Woman-Show. Und Hedwig der Star.

Ratzke verteidigt Conchita Wurst

Wenn Ratzke, geboren 1977, liebevoll von der Titelfigur spricht, sagt er manchmal „sie“, mal „ich“. Er gestalte Hedwig, gleichzeitig lerne er von ihr. „Du wirst auf der Bühne einfach zu dieser Rolle“, sagt Ratzke. Hedwig sei frech, berührend, rockend, verrückt. Und was ihm besonders gefällt: „Hedwig ist anders.“ Sie habe Ähnlichkeiten mit ihm selbst, sagt er. Man müsse sie so akzeptieren, wie sie ist.

Was es für Ratzke bedeute, eine Frau zu spielen? „Vor allem Blasen an den Füßen“, sagt er lachend. Aber auch Freiheit. Auf der Bühne lebe er seine weibliche Seite aus. Die trage jeder Mann in sich, so wie jede Frau ihre männliche. Ratzke verteidigt Conchita Wurst, lehnt sich auf gegen starre Rollenkonzepte. Das tat er schon als Kind. Während die anderen Jungen zu Fasching als Prinzen kamen, verkleidete sich Ratzke als Diva, trug den Pelzmantel seiner Mutter auf.

Als Paradiesvogel, Gossenprinz oder Homme Fatal wird er in der Chanson- und Kleinkunstszene auch bezeichnet. Es kommt schon mal vor, dass sich jemand im Publikum erhebt, „Schweinerei“ ruft und den Saal verlässt. Aber das sei gar nicht sein Ziel, sagt Ratzke. Er wolle nicht provozieren, nur überraschen, seinem Publikum zeigen, in andere Richtungen oder um die Ecke zu denken. Im BKA-Theater erwartet Ratzke wieder ein bunt gemischtes Publikum, Hartz-IV- Empfänger neben Intellektuellen neben den Omis aus Marzahn. „Jeder verliebt sich in Hedwig“, sagt Ratzke. Da setze er nur ein bisschen Offenheit und Interesse voraus. Ob das Musical dem „König der Löwen“-Publikum gefallen würde, weiß Ratzke aber trotzdem nicht sicher.

„Hedwig and the Angry Inch“, 17. bis 20. September, 20 Uhr, BKA-Theater, Mehringdamm 34, Kreuzberg. Karten 22 Euro (Reihe) oder 26 Euro (Tisch). Weitere Infos unter: www.hedwig-tour.de

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben