Musical in Berlin als Sozialprogramm : Ihre Noten, ihre Nöte

Von der Straße auf die Bühne: In einem Musical erzählen Wohnungslose aus ihrem Leben. Heute ist Premiere. Ein Probenbesuch.

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Wer sind sie? Mit Liedern und Quizshowelementen erzählen sie aus ihren Leben (v. l. n. r.): Harald, Reinhardt, Lara (hi.), Mandy, Dieter, Nico, Klaus (v. r.). Regisseurin Jill Emerson (v. l.) hat mit ihnen seit Januar an dem Musical gearbeitet.
Wer sind sie? Mit Liedern und Quizshowelementen erzählen sie aus ihren Leben (v. l. n. r.): Harald, Reinhardt, Lara (hi.), Mandy,...Foto: Thilo Rückeis

Sie proben schon seit sechs Monaten, da hält Jill Emerson am 19. Juni inne. Schon wieder fehlen ein paar Darsteller. Sie schaut die Anwesenden an und sagt: „Wollen wir etwas auf die Bühne bringen oder nicht?“

Die Sonne scheint hell in den „Brückeladen“ des Sozialvereins Gebewo an der Schnellerstraße, der seit Ende Januar immer donnerstags ihr Theaterprobenraum ist. Auf Holzregale, in denen Getöpfertes steht. Auf staubige Bücher zum Mitnehmen. Auf getuschte Bilder an der Wand.

Die fünf Darsteller, die da sind, starren ihre Regisseurin unglücklich an. Eine Handvoll aus den üblichen Lebensroutinen geflogener Menschen, die wohnungslos sind oder alkoholkrank oder beides, jetzt noch oder gewesen. Der runde Harald, der sein Leben seit Kindertagen in sozialer Fürsorge verbringt. Nico, der oft wankt und nuschelt und gern von seinem Leben als Marktmeister erzählt. Der koboldhafte Dieter, der schlecht hört und nicht viel mitbekommt, aber gern Quatsch macht. Der kleine dünne Klaus, der acht Jahre auf der Straße lebte, aber die Kurve kriegte. Die quirlige Mandy, die weder raucht noch trinkt, aber einen Schufa-Eintrag bekam, als sie eine fällig gewordene Bürgschaft für einen Bekannten nicht bezahlen konnte. Seitdem: Gartenlaube.

„Wir könnten etwas ohne Bühne machen“, sagt Jill Emerson, aber keiner signalisiert Zustimmung. Die Bühne ist das Ziel. Daran besteht kein Zweifel. Und es gibt auch schon einen Termin. Am Donnerstag, den 16. Oktober, ist die Aula der Volkshochschule Treptow um 14.30 Uhr für ihre Premiere reserviert. Das wissen sie seit April. Da waren alle mit dem Termin einverstanden, er war angenehm weit weg, und Jill würde sie schon irgendwie dahinbringen. Und jetzt diese Frage!

"We're not gonna give up yet", sagt Jill

Sie geloben Besserung, wollen die anderen ansprechen, ihre Texte lernen, alles tun, dass es gut wird. Jill Emerson nickt. „We’re not gonna give up yet“, sagt sie. Sie ist Amerikanerin. Dann fängt sie die Probe an, wie immer mit Aufwärmübungen. Arme schwenken, Knie kreisen, Hüfte kreisen.

Von dem Stück, selbst ausgedacht, mit viel Gesang, das ist am einfachsten, steht im Juni erst eine grobe Struktur. Sie werden eine Rateshow machen, in dem sie von sich erzählen, wie einst Robert Lembkes Beruferateshow „Was bin ich?“. Sie haben Fragen entwickelt, Jill hat sie aufgeschrieben, ausgedruckt und verteilt, aber keiner weiß seinen Text auswendig. Es gibt nur wenig Ehrgeiz, der über den Moment der Proben hinausgeht. Dafür ist keine Kapazität übrig. Sie können sich ihren Text entweder so merken oder lernen ihn nie.

Die Aufregung von vor drei Jahren ist abgeflaut

Ende September wird es trotzdem offiziell. Das Bezirksamt Treptow-Köpenick, das als Transferleistungs- und Eingliederungshilfenzahler Teilsponsor des Projekts ist, kündigt die Premiere von „Wer bin ich – ein Musical“ per Pressemitteilung an, reiht sie ein in die „8. Woche der Seelischen Gesundheit“. Das Projekt helfe den Darstellern, „ihre Stärken zu entfalten und ihr Selbstbewusstsein zu stärken“. Es ist bereits die vierte Produktion. Bei der ersten im Jahr 2011 haben dreimal so viele Darsteller mitgemacht, alles war größer, dynamischer, und die Premiere fand abends im ausverkauften Ballhaus Ost in Mitte statt. Damals war die Aufregung groß. Das ist abgeflaut.

Harald ist jedes Jahr dabei. Auch er stellt fest, dass immer weniger mitmachen, aber mehr Gedanken macht er sich nicht. Es wird in kleinen Welten gelebt.

„So, gehen wir durch den Text“, sagt Jill. Harald wird als Erster befragt. „Sind Sie ein großer Mann?“ „Ja.“ „Tragen Sie Stiefel?“ „Nö.“ Es war nicht immer allen klar, dass die Fragen zielführend sein sollten. „Leben Sie in einer Einrichtung?“ „Ja.“ „Sind Sie mit Ihrer momentanen Situation zufrieden?“ „Nein“, sagt Harald und wirkt dabei wie jedes Mal geknickt.

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