Berlin : Musik: Absprung einer Pianistin

Elisabeth Binder

Sieben Stunden täglich sitzt Sibylle Briner am Klavier und übt. Das ist der leichtere Teil eines Lebens, das der Kunst gewidmet ist. Gerade hat sie die Hanns-Eisler-Schule für Musik mit einer glatten Eins abgeschlossen, nun verschärft sich die Erkenntnis, dass der Weg ins Künstlerleben eben nicht nur aus Musik besteht. Oft wird die Berufung zu einem Leben für die Musik romantisch überhöht. Aber wenn man sich Künstlerbiografien vergangener Epochen anschaut, wird man leicht merken, dass Geldsorgen oder unerfreuliche Abhängigkeiten von feudalistischen Herrschern für reichlich Disharmonien sorgten.

Vorspiel bei Abbado

Sibylle Briner wurde 1973 in Luzern geboren. Vier Jahre später begann sie mit dem Klavierspiel, gefördert vom Großvater, der ein begeisterter Musikliebhaber war. Mit 16 schrieb sie sich zum Berufsstudium am Konservatorium Luzern ein. 1993 wechselte sie an die Hochschule der Künste in Berlin. Da hatte sie schon einige erste Preise gewonnen, zum Beispiel im Steinway Klavierwettbewerb und in einem bedeutenden Wettbewerb in Turin.

War das nicht ein Opfer, die jungen Jahre am Klavier zu verbringen? "Nein," sagt sie und wirft die langen, blonden Haare entschlossen zurück. "Ich wollte nie etwas anders tun. Außerdem war es bei uns schließlich auch immer grün und ruhig. Da hat man sowieso nicht viel verpasst." In Berlin hat sie dann einiges nachgeholt, was das Nachtleben betraf. "Mit 20 habe ich noch Sachen gemacht, die andere mit 14 längst hinter sich haben." Mitte der 90er Jahre begann sie mit Konzertaufritten.

Allzu wählerisch darf man am Anfang nicht sein. Dass sie eine ganze Zeit lang als Barpianistin im Adlon gespielt hat, erwähnt sie nun, da sie die große Konzertsäle erobern will, schon nicht mehr so gern. Viel wichtiger sind ihr die Auftritte bei den Berliner Festwochen oder bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten. Eine Weile hatte sie sich mit einer Violinistin und einer Cellistin zum Hardenberg Trio zusammengeschlossen. Durch einen Kontakt zur Philharmonie bekam sie nicht nur die Chance, viele Konzerte anzuhören. Sie durfte auch Claudio Abbado vorspielen. Der förderte sie, indem er ihr Zugang zu einem Steinway-Flügel verschaffte.

Das Networking ist für einen Künstler nicht weniger wichtig als für einen jungen Manager, im Gegenteil. Wenn sie bei einem Auftritt beispielsweise in der Schweizer Botschaft einen Stapel Visitenkarten in die Hand gedrückt bekommt, steckt sie die nicht einfach weg. Zu Hause überlegt sie ganz genau, wann sie wen anrufen kann, sitzt nicht nur am Klavier, sondern auch am Computer. "Es kostet allerdings oft große Überwindung", gibt sie zu. "Am Anfang hatte ich große Probleme damit, weil ich mir so aufdringlich vorkam."

Aber es nützt. Inzwischen ist die Liste, die sie über ihre Konzerte erstellt hat, schon sieben Seiten lang. Und ihrem Ziel, eigene CDs herauszubringen, ist sie auch schon einen gewaltigen Schritt näher gerückt. Nach der Prüfung begab sie sich noch völlig erschöpft auf die Suche nach einem Manager. Den fand sie in Freiburg, nachdem sie ihr Prüfungsprogramm noch einmal gespielt hatte. Vier Tage lang dauert der Einstieg ins professionelle Künstlerleben. Sie spielte sowohl solo als auch mit anderen Pianisten zusammen. Von Jazz beeinflusste klassische Musik würde sie gern zu einem CD-Programm zusammenstellen. Die Produktion von CDs ist allerdings zunächst teuer, weshalb die Suche nach Sponsoren als nächstes auf der Agenda steht. "Ich brauche jemanden, der an mich glaubt und das Geld auslegt", sagt sie schlicht. Für die Unternehmen, die so etwas tun, sei das am Ende ja auch ganz praktisch. "Die bekommen dann fünfzig oder hundert CDs, da steht ihr Name drauf, und sie haben schöne Weihnachtsgeschenke für ihre Kunden." Eine solche CD hat sie mit dem Hardenberg Trio mit Unterstützung von Price Waterhouse gemacht.

Ihr künstlerischer Traum? "Wenn ich einmal etwas aufnehmen könnte, das nur für mich geschrieben wurde, zum Beispiel von dem Schweizer Komponisten Heinz Holliger." So lange man noch am Anfang steht, ist es wichtig, Stücke zu spielen, die nicht so konventionell sind, glaubt sie. Beethoven und Bach kommen frühestens in zehn Jahren dran.

Ausgleich für die Einsamkeit

Sibylle Briner ist wirklich keine versponnene Künstlerin. Sie fährt gern Ski und schwimmt gern. Und zum Ausgleich für die langen, einsamen Stunden am Klavier und vor dem Computer trifft sie sich abends am liebsten mit Freunden, zum Beispiel in kleinen Restaurants am Savignyplatz. Ja, sie geht auch gern in Clubs, zum Beispiel ins "90 Grad". Obwohl sie leidenschaftlich gern tanzt, sind die Möglichkeiten der Pianistin begrenzt: "Das halte ich höchstens zehn Minuten aus, weil das für meine Ohren nicht gut ist." Am Ende entscheidet sich ihre Vernunft wohl immer zugunsten der Kunst.

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