Berlin : MUSIK RAT

Trotz Unschuldsgeste. Dieser Musikant wurde wohl des Feldes verwiesen. Foto: dpa
Trotz Unschuldsgeste. Dieser Musikant wurde wohl des Feldes verwiesen. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Das Leben ist so enorm ambivalent: Am Mittwoch vergangener Woche verprügelte ein U-Bahn-Musikant einen Fahrgast,

worauf nicht wenige forderten, das Zug-

Gedudel komplett zu unterbinden. Drei Tage später erlebten wir in einer S-Bahn zwischen Steglitz und Schöneberg folgende Szene: Ein Mann stieg ein, begann Gitarre zu spielen und zu singen. Darauf erwachte ein Hund und wedelte mit dem Schwanz, ein Baby lächelte, ein Mädchen sang mit. Am Ende des Lieds gab’s reichlich Geld für den Musikus – und für die Mitreisenden (außer den innerlich Verhornten) ein

warmes Gefühl zum Mitnehmen. Statt Verboten fordern wir daher einen Leitfaden für Bahn-Sänger – mit folgenden Hinweisen:

1. Spielt das Lied zu Ende!

Das Wichtigste vorweg: Das gefühllose „Rein–Raus“ – also Einsteigen, 20 Takte lustlos tuten und dabei Geld sammeln, dann sofort bei der nächsten Station wieder aussteigen – mag die „Musiker“ vor Kontrolleuren schützen. Sonst hat aber niemand etwas davon: Den Zuhörern bleibt das Gefühl eines unterbrochenen Koitus, die holde Geliebte Musica ist ohnehin zur Dirne degradiert.

2. Stinkt nicht!

Wir sind die Letzten, die den Gestrauchelten dieser Stadt Vorschriften machen, in welchem olfaktorischen Gesamtzustand sie den ÖPNV nutzen dürfen. Wer Musik macht, tut allerdings etwas substanziell anderes als der Obdachlose, der um einen Groschen bittet: Er bietet – ungefragt – ein Unterhaltungsprogramm an. Und da gilt: „Wer noch so gut singt, kriegt nix, wenn er stinkt!“

3. Unterlasst, was euch überfordert!

Denn: Ein überzeugend dargebrachter Schlager ist besser als eine stümperhaft zusammengequetschte Bach-Fuge!

4. Fasst uns nicht an!

Wer in einem vollbesetzten Waggon ungebeten das Saxofon ansetzt, begeht eh eine Grenzverletzung. Sie ist nur zu dulden, wenn der Musiker sonst körperlos agiert – also Ein- und Aussteigenden ausweicht und sich nicht um Haaresbreite (stinkend gar) vor jemandes Gesicht aufbaut.

5. Bleibt erfinderisch!

War es nicht der Folksänger Pete Seeger, der einst forderte, Musiker sollten sich aus Gründen der tieferen Durchdringung in ihrem Leben nur einem Instrument, vielleicht gar nur einem Lied widmen? Egal – hier gilt das Gegenteil: Wer Musik aufdrängt, muss Abwechslung bieten! Sonst heißt es nach dem hundertsten Mal „Hit the Road Jack“ im Berufsverkehr irgendwann: „Hit the Road, Straßenmusikant! Mögen du und deinesgleichen nie mehr zurückkehren!“ Das träfe zu viele, deren Fernbleiben ein Verlust wäre.

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