Musikalischer Spagat : Gefangenenchor auf dem U-Bahnsteig

Die BVG will mit klassischer Musik gleichzeitig Fahrgäste erfreuen und unerwünschte Dauergäste vertreiben.

Klaus Kurpjuweit
Klassik in der U-Bahn
Zeichnung: Klaus Stuttmann

Klassik im Untergrund: Wenn die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) demnächst vielleicht den Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis Oper Nabucco in Bahnhöfen abspielen, sollen sich die Fahrgäste trotzdem nicht eingesperrt fühlen. Den einen soll es gefallen, die anderen dagegen sollen von der klassischen Musik vertrieben werden. Noch in diesem Jahr will die BVG auf zwei U-Bahnhöfen testen, ob dieser musikalische Spagat gelingen kann.

Lange hat es gedauert, bis der Berliner Verkehrsbetrieb diese Idee aufgriff. Hamburg und München unterhalten ihre Fahrgäste schon lange so – und vertreiben durchaus erfolgreich ihre unerwünschten Dauergäste, zu denen sie vornehmlich Drogenhändler, aber auch Obdachlose zählen. Wer nur kurz auf dem Bahnsteig auf die nächste U-Bahn wartet, soll mit den Klängen, vornehmlich aus italienischen Opern, aber ohne Gesang, erfreut werden. „Klassik scheint – zumindest in den U-Bahnhöfen – die größte allgemeine Akzeptanz zu besitzen“, sagte die Sprecherin der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), Bettina Hess. Bei einer Umfrage hätten mehr als 70 Prozent für das Spielen von klassischer Musik votiert.

Die von der MVG ausgewählten Werke sollen eine „beschwingte, angenehme und entspannte Atmosphäre“ verbreiten. Die leise Hintergrundmusik werde als besonders angenehm empfunden. Laut dürfe es auch nicht werden, sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak, weil jederzeit gewährleistet sein müsse, dass Ansagen gut zu verstehen sind.

Während das leise Dudeln die meisten Fahrgäste beim Warten auf den Zug zu erfreuen scheint, empfinden nach den bisherigen Erfahrungen viele Personen, die sich lange auf den Bahnsteigen aufhalten, die Musik auf Dauer als störend. Häufig suchten sie dann das Weite, bestätigte, wie berichtet, der Sprecher der Hamburger Hochbahn, Christoph Kreienbaum. Musik alleine könne aber nicht das Allheilmittel sein. Zum allgemeinen Sicherheitskonzept gehöre auch die Präsenz von Mitarbeitern, der Einsatz von Überwachungskameras und das schnelle Entfernen von Graffiti.

Wenn der Test in den zwei Stationen erfolgreich ist, will die BVG weitere Bahnhöfe zu Musikstationen machen. Begonnen wird vermutlich mit Stationen an der U 8 (Wittenau–Hermannstraße), weil dort besonders viel mit Drogen gehandelt wird. Aber nicht jeder Bahnhof eignet sich für die Musik. In München spart die MVG die stark genutzten Hauptumsteigestationen aus. Dort sei der Geräuschpegel auch ohne Musik schon recht hoch, sagte Hess. Und auch in den Hauptverkehrszeiten müssen die Musikliebhaber auf Verdi und Co. verzichten.

Bei der Bahn und der S-Bahn wird es dagegen gar keine Musik geben. Sprecher Burkhard Ahlert sagte, die Bahn beschränke sich auf den Fernbahnhöfen auch weiter auf Durchsagen zu ankommenden und abfahrenden Zügen.

Selbst darauf hat die Flughafengesellschaft schon vor Jahren verzichtet und das „Silent-Airport-Konzept“ gestartet. Im „ruhigen Flughafen“ gebe es nur noch relevante Ansagen, etwa wenn gezielt nach einem Passagier gesucht werde, sagte Flughafensprecher Ralf Kunkel. Auf das Ansagen der Flüge habe man verzichtet, weil ohnehin kaum noch jemand zugehört habe. An das Abspielen von Musik sei nicht gedacht.

Damit sparen die Flughäfen auch Geld. Denn selbst für die leise Hintergrundmusik verlangt das Rechteunternehmen Gema Abspielgebühren. Der Bahn, die vor Jahren die Stationen in ihren Regionalzügen mit Melodien der Hymnen von Berlin und Brandenburg ankündigte, war dies auf Dauer zu teuer. Der damalige Regionalchef Karl-Heinz Friedrich setzte sich deshalb an die Heimorgel und komponierte selbst eine Begrüßungsmeldodie. So weit will der BVG-Vorstand aber nicht gehen.

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