Musiker in Lichtenberg : Berliner Rockhaus steht vor dem Aus

Im Lichtenberger Rockhaus könnten 1000 Künstler ihre Bandräume verlieren. Kultursenator Lederer hat sich in den Konflikt eingeschaltet.

Ronja Straub
Mit Plakaten an der Außenfassade protestieren die Nutzer des Rockhauses gegen die Schließung.
Mit Plakaten an der Außenfassade protestieren die Nutzer des Rockhauses gegen die Schließung.Foto: Ronja Straub

Judith Poppe und ihre Rockband „zigzag platonium“ proben seit drei Monaten mehrmals wöchentlich im Berliner Rockhaus in Lichtenberg. Nach langem Suchen hat die vierköpfige Band einen Raum in dem Gebäudekomplex in der Buchberger Straße ergattert und ist damit sehr glücklich. „Es stimmt einfach alles“, sagt Poppe. „Wir können unsere Instrumente immer hier lassen, der Standort ist relativ zentral und die Miete ist erschwinglich.“ Weil die Band sich den Raum mit einer anderen Gruppe teilt, zahlen sie für den rund 24 Quadratmeter großen Raum 140 Euro im Monat. Seit zehn Jahren proben Bands im Rockhaus – jetzt steht es womöglich vor dem Aus.

Im Sommer 2015 kaufte Shai Scharfstein von der Scharfstein Group den Gebäudekomplex, hat damit wohl allerdings andere Pläne. Rockhaus-Betreiber Dirk Kümmele vermutet, dass Scharfstein eine Poststelle, oder zumindest Teile davon, im Rockhaus unterbringen möchte. Es könnte sich sich um eine Filiale handeln, die derzeit in dem Gebäude in der Frankfurter Allee, Ecke Buchberger Straße untergebracht ist. Dieses Gebäude gehöre ebenfalls Scharfstein, sagt Kümmele. Es solle abgerissen werden, um Platz für ein Bürohaus zu machen. Noch stehen in der Buchberger Straße 190 Proberäume Berliner Musikern zur Verfügung. Würde der Komplex schließen, stünden rund 250 Bands und 1000 Musiker vorerst auf der Straße. Im Februar letzten Jahres kündigte Shai Scharfstein Kümmele. Kümmele wehrte sich dagegen und argumentierte, dass er mit dem vorherigen Eigentümer einen Vertrag bis 2023 ausgehandelt habe.

Das Ergebnis steht aus

Dafür wurde im Jahr 2013 auch ein langfristiges Nutzungskonzept entwickelt. Da der Vertrag noch zehn Jahre gelten sollte, sei das Haus den Anforderungen entsprechend umgebaut worden, mit „kompletten Schallschutzmaßnahmen und Brandschutz“, sagt Kümmele. 250000 Euro seien in den Umbau investiert worden. Scharfsteins Rechtsanwalt Andreas Gemeinhardt begründet die Kündigung für das Rockhaus nun ausgerechnet damit, dass Kümmele „seinen Verpflichtungen zum Brandschutz nicht nachgekommen“ sei. Der entgegnet: „Die Arbeiten liefen noch, während die Kündigung kam. Scharfstein setzte eigenmächtig eine Frist für die Fertigstellung, die sich aber nicht einhalten ließ.“

Shai Scharfstein möchte sich derzeit nicht selbst zum Streit äußern. Er hat mittlerweile eine Räumungsklage gegen Dirk Kümmele beim Landgericht Berlin eingereicht, ein Ergebnis steht aus. Vor drei Wochen erfuhr Kümmele, dass nicht nur er als Hauptmieter und Betreiber die Buchberger Straße verlassen soll, sondern auch die Bands. Für Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) besteht ein Problem, wenn plötzlich 1000 Musiker ohne Proberäume dastehen.

„Hier haben wir endlich eine sichere Sache gefunden“

„Das wäre so schnell nicht auffangbar“, sagt er. Im Bezirksamt will man sich jetzt einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Auch Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hat sich in den Konflikt eingeschaltet. „Flächenverwertung haben wir in Berlin genug, Räume für Künstler aber zu wenige“, sagt er. Laut seinem Sprecher Daniel Bartsch habe Lederer dem Eigentümer Shai Scharfstein per Brief darum gebeten, im Sinne der aktuellen Nutzer zu handeln. Außerdem habe er die Förderplattform „Musicboard“ darum gebeten zwischen Rockhaus und Scharfstein zu vermitteln.

Der Rauswurf wäre für „zigzag platonium“ eine „Katastrophe“, sägt Frontfrau Judith Poppe. „Hier haben wir endlich eine sichere Sache gefunden“, sagt Bassist Titus Engelschall. Die Nutzer des Rockhauses machen jetzt gegen den Rauswurf mobil. Am Donnerstagabend versammelten sie sich im Rockhaus, um über das weitere Vorgehen zu beraten. „Wir haben die Musiker zunächst über die aktuelle Lage aufgeklärt“, sagt Dirk Kümmele. Ein erster Schritt, der ihrem Protest Ausdruck verleiht, sind zwei großen Plakate an der Außenfassade des Gebäudes: „Wir bleiben! Rettet das Berliner Rockhaus.“

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