Muslime in Deutschland : Jung, gebildet und tief religiös

In einem einzigartigen Projekt wehren sich ehrgeizige und gebildete Jugendliche muslimischen Glaubens gegen die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft. Sie sollen in einen Dialog mit Politikern, Wissenschaftern und Journalisten treten.

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Younes Al-Amayra: "Was soll das Gerede von den Muslimen, die sich nicht integrieren wollen?"
Younes Al-Amayra: "Was soll das Gerede von den Muslimen, die sich nicht integrieren wollen?"Foto: Paul Zinken

Sie sind jung, selbstbewusst, erfolgreich in Schule und Studium – und tief religiös. Frauen und Männer geben einander nicht die Hand; man begrüßt sich mit „Salam alaikum“ und betet fünfmal am Tag. Am Sonnabend sind rund hundert von ihnen in die Moschee der bosnischen Gemeinde nach Kreuzberg gekommen, um sich kennenzulernen und darüber auszutauschen, was sie bewegt. Es ist viel von Verletzungen zu hören an diesem Nachmittag. Aber auch viel Aufbruchstimmung zu spüren.

Eine der Besucherinnen ist Noor. Vergangenen Sommer war sie zum ersten Mal nach 13 Jahren in der Heimat ihrer Eltern, im Irak, zu Besuch. Da habe sie schnell gemerkt, dass der Irak nicht ihre Heimat ist. „Ich fühle mich zu 60 Prozent als Deutsche“, sagt sie und spricht auch über die Pünktlichkeit und dass alles so gut funktioniere in Deutschland. Noor wird bald Abitur machen und studieren. Und doch traue sie sich in der Öffentlichkeit nicht zu sagen: Ich bin Deutsche. Sie fürchtet, dass viele betreten wegschauen. Dass es heißt: Eine mit Kopftuch ist doch keine Deutsche! An ihrem Gymnasium in Steglitz sei sie eine von wenigen Schülerinnen mit Kopfbedeckung. Dauernd müsse sie sich rechtfertigen. Aber schlimmer noch seien die Mitschüler, die gar nicht erst fragten, sie nur scheel anblicken. Sie ist gekommen, um zu zeigen, dass Muslime besser sind als ihr Ruf: engagiert, gut gebildet. Und dass das kein Widerspruch ist zur Religiosität. Sie hat das Gefühl, allein nicht viel erreichen zu können und will sich mit anderen zusammentun und, ja, politisch aktiv werden.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD), das Bundesministerium für Familie und die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) in Berlin wollen gerade mit diesen jungen, frommen Muslimen ins Gespräch kommen. Weil sie wichtig sind für Deutschland, weil sie sich gerade nach einem halben Jahr Sarrazin-Debatte nicht in irgendwelche dubiosen Moscheen zurückziehen, sondern in die Gesellschaft einbringen sollen. Deshalb haben sie das Projekt „Junge muslimische Stimmen im Dialog“ ins Leben gerufen. Über drei Jahre hinweg sollen sich 15- bis 25-Jährige in Konferenzen und Arbeitskreisen über ihre Themen verständigen, mit Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern diskutieren. Das Projekt ist einzigartig in Deutschland: Die Teilnehmer wurden nicht über die Schulen eingeladen, sondern über die 110 Moscheen und islamischen Jugendverbände – selbst über jene, die der Verfassungsschutz beobachtet.

Ariane Bayer: "Wieso wird der Islam nur mit Arabern in Verbindung gebracht? Ich bin Deutsche!"
Ariane Bayer: "Wieso wird der Islam nur mit Arabern in Verbindung gebracht? Ich bin Deutsche!"Foto: Paul Zinken

Wie groß die Zielgruppe ist, lässt sich schwer sagen. Schätzungsweise 220 000 Muslime leben in Berlin, 35 000 bis 40 000 dürften zwischen 15 und 25 Jahren sein, vielleicht ein paar tausend sind so religiös, dass sie sich in Moscheen und Verbänden engagieren. 250 von ihnen kamen zur Auftaktveranstaltung, viel mehr, als die Organisatoren erwartet hatten. Am Sonnabend sind es immerhin noch rund 100 – vor allem junge Frauen, auch etliche Konvertitinnen. Die allermeisten tragen Kopftücher, viele bodenlange Mäntel, eine junge Frau hat sich in einen Tschador gehüllt. Die meisten gehen aufs Gymnasium oder studieren. Sie beten in vielen verschiedenen Moscheen. Es ist das erste Mal, dass sie sich treffen, die Moscheevereine in Berlin leben bestenfalls nebeneinander her, etliche stehen in Konkurrenz zueinander.

Vormittags haben sie in Arbeitsgruppen zusammengesessen, mittags hängen Zettel auf Stelltafeln: „Identität“ steht da, „Chancengleichheit“, „schlechte Darstellung des Islam in den Medien“. Es sind die Themen, die die Mehrheitsgesellschaft diskutiert – nur gespiegelt. Es geht um die Wahrnehmung von außen, um rechtliche Fragen, um die Abgrenzung zum radikalen Islamismus. Die 25-jährige Edibe Erol hat das Medizinstudium abgeschlossen und absolviert gerade das Praktische Jahr. Es sei schwer gewesen, mit ihrem Namen und Kopftuch eine Stelle zu finden. Diese Erfahrung teilen viele im Raum.

Zu den Gebetszeiten wird die Veranstaltung unterbrochen. Jetzt trifft man sich im Plenum wieder. Vorn spricht Innensenator Körting. „Viele Ihrer Fragen betreffen nicht nur die Muslime“, sagt der Politiker. So trage jeder heutzutage einen Mix verschiedener Identitäten in sich. Genau das mache die Einzigartigkeit des Einzelnen aus. Solche Sätze tun gut. Viele Zuhörer klatschen. „Wir können nicht erwarten, dass die Gesellschaft auf uns zukommt“, ruft eine junge Frau den anderen zu, „wir selbst müssen zeigen, was wir können. Wenn wir die besten Abiturienten stellen, und in Politik und Wirtschaft vertreten sind, dann heißt es nicht mehr: Die sind dumm und wollen sich nicht integrieren.“ Auch sie erhält viel Applaus.

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