Berlin : „Muss denn immer erst etwas Schlimmes passieren?“

Der Sexualtäter von Reinickendorf läuft frei herum, der Vater des missbrauchten Mädchens ist empört. Ein Besuch in der Schluchseestraße

Tanja Buntrock

Der Flur im Hochhaus in der Reinickendorfer Schluchseestraße droht einen fast zu verschlucken, wenn man vor den Fahrstühlen steht – so dunkel ist es drinnen. Trotz der Spiegel, die die Hausverwaltung eingebaut hat. Die Überwachungskamera ist kaum sichtbar. Zwischen den Wörtern „Ausgang“ und „Titiseestraße“ ist die kleine Linse über der Tür installiert. Ursprünglich, um Vandalen zu filmen, die schon häufig den Hausflur und die Fahrstühle verschandelt haben.

Doch am 18. Juni hat die Kamera aufgenommen, wie Frank B., 41, auf die sechsjährige Jessica (Name geändert) gewartet, sie dann am Arm gepackt und in den Keller gezerrt hat. Dort missbrauchte er das Mädchen sexuell. Dank des Fahndungsfotos aus der Kamera kam die Polizei dem Mann auf die Spur. Frank B. hat die Tat vergangene Woche gestanden. Gegen ihn ist Haftbefehl erlassen, dieser aber gleich wieder außer Kraft gesetzt worden. „Die Ermittlungen sind abgeschlossen“, sagt der Justizsprecher

Der Vater der kleinen Jessica reagiert drastisch: Er fühlt sich „verarscht“. Die Familie wohnt im 10. Stock. Volker M., 31, schlank, rotes Haar und gepflegter Stoppelbart, öffnet die Tür. Auf dem Arm trägt er seinen Sohn Steven, 18 Monate, genannt „Püppi“. Eigentlich wolle er gar nichts mehr dazu sagen. Doch die Wut darüber, dass der Mann frei herumläuft, der seine Tochter missbraucht hat, scheint stärker. „Also gut, kommen Sie rein“, sagt Volker M. und bittet ins Wohnzimmer. Von wegen kein Wiederholungstäter, empört er sich. „Kann doch keiner garantieren, dass der die Wahrheit sagt. Wenn es Frank B. so Leid tue, wie er nach der Vernehmung beteuert haben soll, „warum hat er sich denn nicht vorher schon freiwillig gestellt?“ Volker M. fiele dazu nur ein Satz ein: „So ist nun mal unser Rechtsstaat.“ Da versuche er mit seiner Frau Peggy die beiden Kinder ordentlich zu erziehen, alles für sie zu tun, „und dann zerstört so einer das in wenigen Minuten“. Volker M. hat seine eigene Methode, damit fertig zu werden. Zwar wolle er er „nun erst einmal den Prozess abwarten“. Aber in zackigen Sätzen fügt er hinzu: „Ich habe den Namen des Täters. Ich weiß, wo der wohnt. Ich kenne genug Leute.“ Mehr wolle er dazu nicht sagen. Die Wut in seiner Stimme spricht für sich. Volker M. zündet sich eine Zigarette an, blickt auf die vielen gerahmten Fotos seiner beiden Kinder und seiner Frau. „Muss denn immer erst etwas Schlimmes passieren?“, fragt er ins Leere.

Frank B. muss nicht in Untersuchungshaft. Weil der Familienvater in „gesicherten sozialen Verhältnissen“ lebt, einen festen Job hat, nicht „einschlägig vorbestraft“ und eine Wiederholungsgefahr nicht erkennbar ist, heißt es bei der Justiz. Die einzige Auflage: Er muss sich zweimal pro Woche bei der Polizei melden.

„Fassungslos“ mache es sie, dass der Sexualstraftäter frei rumläuft, sagt Bettina Röser, 43, Mutter von vier Kindern. Sie sitzt auf der Holzbank im Garten ihres Hauses in Lübars und hat ein wachsames Auge auf Tamara (7), Lorena (5), Debora (3), während der 18 Monate alte Joshua um ihre Beine krabbelt. Keine fünf Minuten mit dem Auto vom Tatort in der Schluchseestraße entfernt wohnt Familie Röser. „Das kann doch wohl nicht angehen, dass der Täter einfach weiter bis zur Verurteilung frei herumlaufen darf. Wer garantiert denn, dass in der Zwischenzeit bei dem nicht wieder eine Sicherung durchbrennt und der sich wieder an einem Kind vergeht?“, schimpft Bettina Röser. Ihre Meinung ist deutlich: So eine Sexualstraftat werde wie eine Bagatelle behandelt. Bettina Röser sieht nur einen Ausweg: „Solche Täter müssten generell in psychiatrische Behandlung, auch in der Zeit vor der Verurteilung. Der hat sich doch selbst nicht unter Kontrolle.“ Und überhaupt: Was solle das heißen, „gesicherte Familienverhältnisse“? Es könne doch genauso gut sein, dass seine Familie ihn verlässt. „Ich würde ihn sofort vor die Tür setzen. Und wer sagt denn, dass ihm jetzt nicht eh alles egal ist, wo er sich sein ganzes Leben verpfuscht hat?“ Je mehr sie darüber nachdenkt, desto wütender wird Bettina Röser. „Da ist doch etwas nicht in Ordnung in unserem Rechtsstaat.“

Einige Meter weiter, in den Hochhausschluchten der Tiefenseer Straße im Märkischen Viertel, sitzt eine Mutter auf der Bank eines Spielplatzes und beobachtet ihren vierjährigen Sohn beim Buddeln im Sand. Genau vor dem Haus, in dem der Täter Frank B. mit seiner Frau und drei Kindern im jugendlichen Alter wohnt. „Wusste ich gar nicht, dass der von hier kommt. Da wird einem ja richtig mulmig“, sagt sie. Und fügt hinzu: die armen Kinder – und meint diesmal die des Täters.

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