Berlin : Mustafa Zeki Özuysal (Geb. 1956)

Ein Mann fürs Höhere, dem Praktischen weniger zugewandt.

Thomas Loy

Der Weg zur Wahrheit führt auf den Gipfel eines Berges. Hoch sollte er sein, aber nicht unerreichbar für den Wanderer.

Einer seiner Spitznamen war „Elbrus“, wie der Berg im Kaukasus, mit 5642 Meter der höchste Russlands, vielleicht der höchste Europas, je nachdem, wo man die Grenze zwischen Asien und Europa verlaufen lässt. Elbrus, ein im Westen verkannter Riese, auch „Berg der Sprachen“ oder „König der Geister“ genannt. Was weiß der Westen schon über die Mythen des Kaukasus? Mustafa „Elbrus“ Özuysals Familie stammte aus einem kaukasischen Geschlecht, das einem Reitervolk angehörte. Er machte auf seiner Suche nach Sinn, Erfüllung und Erkenntnis auch einen Abstecher in die Traditionen seiner Ahnen. Er lernte reiten.

Mit neun Jahren verlässt Mustafa das Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste, in dem seine Familie seit ein paar Generationen lebt. Er freut sich, in ein neues, fremdes Land zu kommen. Er hat schon immer die weggeworfenen Zeitungen gelesen, die in den Pfützen verwelken, mit den Bildern berühmter, ferner Bauwerke.

Er mag Deutschland, die Sprache, die Literatur, die vielen Regeln, die sicherstellen, dass jeder seinen eigenen Weg gehen kann. Er studiert Wirtschaft in München, dann in Berlin, entwickelt Software für Banken. Er steht auf eigenen Füßen, legt eine ökonomische Basis, von der aus Höheres erreichbar scheint. Er ist ehrgeizig, erfahrungshungrig, wissbegierig. Er liebt es, in den Alpen zu wandern, lernt Ski fahren. Er mag es, den Vögeln zu lauschen, früh morgens an einer Isarbrücke. Jahrzehnte später wird er in seinem Garten sitzen, in Berlin, eine Wasserpfeife rauchen und mit allen Sinnen nachspüren, was hinter den Kulissen der Schöpfung verborgen liegt.

Manchmal singt er zum Klavierspiel seiner Frau. Oder er tanzt, wie die Derwische, um sich aus dem irdischen Kontext zu lösen. So lehrt es der Sufismus, eine eng mit dem Islam verbundene mystische Glaubenslehre. Die Sufis – auf persisch Derwische – streben nach der Vereinigung mit Gott, und zwar nicht erst im Jenseits.

Mustafa verliert sich nicht in seinen Studien; er wird nicht zum sufischen Mönch, der in Einsamkeit auf die Erleuchtung hinarbeitet. Dazu feiert er zu gerne, treibt Sport oder debattiert mit Freunden bis spät in die Nacht. Der Mann mit der kräftigen Gestalt und der hohen Stirn kann gut erzählen, seine Zuhörer bannen, aber umgekehrt ist der Bannstrahl ebenso wirksam. Wenn Mustafa zuhört, achtet er auf jedes Wort seines Gegenübers.

Auf dem Hocker neben seinem Sessel liegt noch der Zeitungsberg, durch den sich Mustafa regelmäßig hindurchlas. Gewichtige Blätter, die dem Abonnenten viel Zeit abfordern. Kunstgeschichte, Architektur, Musik, Theater – Mustafa ließ kein Wissensgebiet aus. Seine Freunde führte er durch die Kulturlandschaften seiner Heimat. Während sich die Reisegruppe bei einem Ladenbummel erholte, besuchte Mustafa einen Sufi-Meister und diskutierte mit ihm bis in den Abend.

Man kann sagen, Mustafa war beliebt und wurde verehrt. Über kleine Schwächen sahen seine Freunde hinweg. Den praktischen Erfordernissen des Alltags, Geschirr abwaschen oder Nägel in die Wand klopfen, setzte er sich weniger aus. Dafür stand er tagelang an der Philharmonie um ein Ticket für Horowitz an.

Der 50. Geburtstag rückt näher. Mustafa fühlt, dass er dieses Datum nicht nutzlos verstreichen lassen darf. Diesem Gipfelpunkt auf der Lebensbahn müsste eine mystische Erfahrung zu entlocken sein, eine Verschmelzung mit dem, was die Sufis das Göttliche nennen. Er will auf den Ararat steigen, den erloschenen Vulkan in der Osttürkei, den biblischen Schauplatz der Sintflut, 5165 Meter über dem Meeresspiegel. Ein hoher Gipfel, aber für den geübten Wanderer zu bewältigen.

Die Planungen verlaufen schleppend. Die türkische Reiseorganisation kann den Termin nicht halten. Mustafa disponiert um: Zugspitze statt Ararat. Als sie oben sind, liegt wie üblich alles im Nebel. Schlechte Bedingungen für Wahrnehmungen von höherer Natur.

Mustafa war selbst wie ein Fels, sagen die Freunde. Unerschütterlich. Er stand groß und kraftvoll in ihrer Mitte, bereit, die Last anderer mitzutragen. Ohne Vorwarnung brach der Fels eines Tages in sich zusammen. Ein Herzinfarkt. Thomas Loy

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