Berlin : Mut zur Muttersprache

Wenn Motek Weinryb spricht, stutzen Passanten. Der 81-Jährige spricht Jiddisch – und pflegt seine Mundart

Sarah Hartmann

Wenn Motek Weinryb sich in seiner Muttersprache unterhält, fällt ihm auf, dass die Menschen in seiner Umgebung die Ohren spitzen. Sie versuchen dann, den freundlichen älteren Herrn aus Westend und seine Sprache einzuordnen. Ist das Deutsch? Der singende Tonfall, der weiche Klang lassen eine süddeutsche oder vielleicht Schweizer Mundart vermuten. Doch plötzlich mischen sich in diese scheinbar vertraute Sprache fremde, unverständliche Worte, die den Zuhörer irritieren, genauso wie der eigenwillige Satzbau. Motek Weinrybs Muttersprache, seine „mame loschn“, ist Jiddisch.

Heute sind es in Deutschland nur vereinzelte ältere Menschen wie der 81-jährige Motek Weinryb, die das Jiddische noch beherrschen. Weinryb wurde 1922 in dem Städtchen Zarki in der Nähe von Krakau geboren. In der achtköpfigen orthodoxen Familie und im „Shtetl“ wurde Jiddisch gesprochen, außerhalb Polnisch. 1961 wurde der Holocaust-Überlebende und ehemalige Widerstandskämpfer, der inzwischen in Israel lebte, mit Frau und Tochter nach Ost-Berlin eingeladen – und blieb. „Meine Frau hatte Herzprobleme. Sie hat das Klima in Israel nicht vertragen. Und wir hatten Bekannte in Berlin“, versucht er zu erklären, warum er sich damals entschieden hat zu bleiben.

Motek Weinryb hat sich damit arrangiert, im Land der Täter zu leben. Doch zu den Deutschen seiner Generation bleibt er lieber auf Distanz. Der Kontakt mit den Nachbarn beschränkt sich auf das Nötigste. „Ich bin immer höflich, sage ,Guten Tag‘ und ,Auf Wiedersehen‘. Aber mehr auch nicht.“

Anders sieht es mit den jungen Leuten aus. Weinryb hält es für wichtig, seine Erfahrungen und sein Wissen an die junge Generation weiterzugeben. Er engagiert sich im Jüdischen Kulturverein, hält Vorträge und nimmt am „Gesprächskreis Jiddisch“ der TU Berlin teil. Dort treffen sich alle zwei Wochen Studenten mit Jiddisch-Vorkenntnissen und Muttersprachler zur jiddischen Konversation. Gemeinsam werden jiddische Texte gelesen und besprochen oder Filme geschaut. Doch groß ist der Andrang nicht. „Es gibt da eben von beiden Seiten gewisse Berührungsängste“, sagt der Psychologe und Linguist Arnold Groh, der den Gesprächskreis leitet.

Wie viele Menschen heute in Berlin Jiddisch sprechen oder die Sprache zumindest passiv beherrschen, weiß so recht niemand. Jiddisch-Sprecher findet man hauptsächlich in der älteren Generation der russischen Juden, die in den letzten Jahren als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Doch auch wenn sie mit Jiddisch aufgewachsen sind, benutzen es die wenigsten noch. In Russland wollte man nicht auffallen und hat deswegen lieber Russisch gesprochen.

Motek Weinryb ist stolz auf seine Muttersprache. Dass sie in Deutschland eine Zukunft hat, glaubt er jedoch nicht. „Es gab eine Initiative zur Gründung einer jiddisch-sprachigen Zeitung in Berlin. Aber sie wurde von der Jüdischen Gemeinde nicht unterstützt“, sagt Weinryb.

Er selbst zumindest hat getan, was er konnte, um seine Sprache weiterzugeben: „Meine Tochter ist in Israel zweisprachig aufgewachsen, Jiddisch und Hebräisch. Und auch meinen Enkelkindern habe ich Jiddisch beigebracht.“

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