Mutlu über Sarrazin : Kreuzberg schafft sich nicht ab!

Thilo Sarrazin bedient sich rechter Klischees, findet der Kreuzberger Grüne Özcan Mutlu. In einem Gastkommentar für Tagesspiegel Online begründet er, warum die Kreuzberger zu Recht wütend auf den Ex-Senator sind.

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Bei der vergangenen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus warb Özcan Mutlu auf Deutsch und Türkisch um Stimmen.
Bei der vergangenen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus warb Özcan Mutlu auf Deutsch und Türkisch um Stimmen.Foto: dpa

In Begleitung eines Fernsehteams unternimmt Thilo Sarrazin eine so genannte "Dialogtour" durch Kreuzberg. Die Kreuzberger zeigen politische Reife, empören sich und artikulieren Ihren Protest, statt sich instrumentalisieren zu lassen. Nun heißt es von Seiten des "Sie-haben-mein-Buch-nicht-gelesen"-Sarrazin, die Kreuzberger hätten seine Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das diese wiederum nur ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nutzen und schlicht sagen, dass sie keinen Scheindialog vor einem Kamerateam wollen, passt manchen anscheinend nicht. Nur weil die Kreuzberger gemäß dem Kästnerischen Motto, nicht bereit waren, auch noch den Kakao zu trinken, durch den man sie gezogen hat, wird nun ihnen und dem ganzen Bezirk Intoleranz vorgeworfen. Verstehe das, wer will.

Da kommt der ehemalige Berliner Senator, der acht Jahre die Finanzgeschicke der Hauptstadt geleitet hat und für viele Mittelkürzungen, vor allem in den Bereichen Jugend, Bildung, aber auch Integration verantwortlich ist, so einfach daher, lässt sich abfällig über Migranten aus, die ein fester Bestandteil unserer Einwanderungsstadt sind, bedient sich rechter Klischees und schürt bewusst Ängste und Ressentiments und wundert sich über die Reaktion der Kreuzberger. Was hat er den erwartet, dass er mit Blumenstrauß begrüßt wird? Nein, wer austeilt, der muss auch einstecken können!

Wir stellen fest: Einwanderungsgesellschaften sind selten frei von Konflikten. Ja, wir haben Integrationsprobleme und die Ursachen dafür sind vielfältig. Integration ist eben ein wechselseitiger Prozess und kein fortwährendes Straßenfest. Wir brauchen nachhaltige Lösungen, insbesondere in der Bildungs- und Jugendpolitik. Thilo Sarrazin bietet aber keine Lösungsvorschläge, er spaltet die Gesellschaft und vergiftet das Klima des Zusammenlebens. So wird Integration unmöglich. Mit seinen abfälligen Äußerungen zu Migranten und seinen Bezügen zur Genetik und dem Nutzwert von bestimmen Ethnien für die nationale Ökonomie bedient er zudem niedere Instinkte und betritt rassistisches Terrain.

Sarrazin und seinesgleichen wird es immer geben. Aber Kreuzberg bleibt Kreuzberg, vielfältig, bunt, reich an Kulturen und verschiedenen Lebensentwürfen. Ich liebe diesen Bezirk, weil er so viele Widersprüche in sich vereint und zugleich kulturell so reich ist. Migration bedeutet nämlich vielfältigste kulturelle Impulse, wie es uns der Filmemacher Fatih Akin, die Kuratorin Shermin Langhoff, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, die Schauspielerin Sema Poyraz und viele andere mit Bindestrich-Identitäten tagtäglich zeigen.

Ich mag die Berliner Schnauze und die Currywurst als unser Wahrzeichen, wie ich auch den Döner-Kebab mag, der zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor unserer Stadt gehört. Berlin wäre im wörtlichen Sinne arm dran ohne die Wirtschaftsleistung all der Immigranten und ihrer Kinder und Enkel, erst als "Gastarbeiter" in der Industrie und später als Unternehmer in allen möglichen Branchen. Allein Berlin zählt ca. 6000 türkischstämmige Unternehmer unterschiedlichster Größe, die nahezu 30000 Jobs geschaffen haben, nicht nur in Dönerimbissen oder im Obsthandel – selbst wenn, was wäre daran auszusetzen?

Es macht mir Spaß, beim libanesischen Bäcker nebenan Croissants zu kaufen und beim vietnamesischen Kiosk einen Cappuccino zu schlürfen. Nur in Kreuzberg und bei Blumen-Dilek kann ich zu jeder Tageszeit frische Tulpen aus Holland für meine Frau holen oder bei Smyrna leckere Hülsenfrüchte aus Israel kaufen. Es macht mir Spaß meine amerikanischen Freunde nach "Klein-Istanbul" zu führen, damit sie im Hasir-Restaurant die Vorzüge der türkischen Küche erleben können. Ich genieße es jedes Mal im Ballhaus Naunynstraße der melancholischen Stimme von Mario Rispo zu lauschen, der als Italo-Deutscher in akzentfreiem Türkisch von unerfüllter Liebe am Bosporus singt. Das ist mein Kreuzberg und meine Stadt, und ich liebe es, soll doch ein gewisser Herr sagen, was er will!

Özcan Mutlu ist Grünen-Abgeordneter in Kreuzberg.

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