Berlin : Mutter nach Vorschrift

Der Senat will, dass Eltern ihre Kinder privat betreuen lassen. Bisher gibt es aber kaum Vorgaben für Pflegerinnen

Claudia Keller

Weil Krippenplätze das Land viel kosten, möchte die Jugendverwaltung, dass sich mehr Eltern Tagesmütter suchen. Das käme dem Wunsch der meisten Eltern entgegen, die ihre Kleinen in den ersten Jahren in familiären Verhältnisse aufwachsen lassen wollen, heißt es in der Behörde. Während allerdings die Mitarbeiter in öffentlichen Krippen eine Ausbildung für ihre Betreuungstätigkeit absolvieren müssen, gibt es für Tagesmütter bisher kaum Vorgaben. Das soll sich ändern. Die Jugendverwaltung und die Verbände der Tagesmütter arbeiten an neuen Vorschriften für deren Tätigkeit. Aber auch bei den künftigen Standards handelt es sich um Selbstverpflichtungen; den Jugendämtern fehlt das Personal, um ihre Einhaltung zu überprüfen.

Barbara Thom, 44, Jeans, blaues T-Shirt arbeitet seit 17 Jahren als Tagesmutter. Sie hat eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Bülowstraße gemietet und umsorgt dort zusammen mit einer zweiten Pflegerin acht Kinder. Das kleinste ist ein Jahr alt, das älteste fünf. Mit Mia und Yanuah auf ihrem Schoß erzählt sie von ihrer Arbeit mit den Vorschulkindern und den Musik- und Turnstunden, die sie mit Musiktherapeuten und Krankengymnasten für die Kinder organisiert. Thom ist gelernte Erzieherin und Heilpädagogin. Deshalb ärgert sie sich besonders über das schlechte Image von Tagesmüttern. Und räumt Einwände aus. Zum Beispiel, dass die Eltern aufgeschmissen seien, wenn die Tagesmutter krank ist. Sie arbeite mit anderen Tagesmüttern zusammen. Falle eine aus, könne immer eine andere einspringen.

Die Pflegekinder wurden Barbara Thom vom Jugendamt Schöneberg vermittelt. Die Behörde überweist ihr auch ein Verpflegungs- und Betreuungsgeld pro Kind. Die Sätze, die das Amt zahlt, reichen von 157 bis 327 Euro, je nachdem wie viele Kinder eine Tagesmutter betreut und wie viele Stunden am Tag. Die Eltern zahlen ihre Beiträge, die nach der neuesten Gebührenerhöhung so hoch sind wie ein Kitaplatz, an den Bezirk. Bei privaten Tagesmüttern handeln die Eltern mit den Pflegerinnen die Gebühren aus.

Während private Pflegerinnen keinerlei Voraussetzungen brauchen, müssen die Tagesmütter auf der Liste der Bezirke immerhin ein Gesundheits- und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und einen zwölfstündigen Kurs im Bezirksamt absolvieren, in dem es um pädagogische, psychologische und rechtliche Fragen geht. Ein Mitarbeiter vom Jugendamt schaut sich außerdem die Räume der Tagesmütter an.

Wer wie Thom für den Bezirk arbeiten und mehr als drei Kinder versorgen will, braucht noch eine Helferin und muss außerdem entweder gelernte Erzieherin sein, langjährige Erfahrung haben oder eine Ausbildung mit Zertifikat nachweisen.

Das Zertifikat stellen die Bezirke seit vier Jahren aus, wenn eine Tagesmutter 160 Stunden Fortbildung in Pädagogik und Psychologie, Ernährung, Gesundheitsfragen und Erste Hilfe absolviert hat. Rund zehn Prozent der Berliner Tagesmütter haben diese Auszeichnung mittlerweile in der Tasche. Worauf die Jugendämter darüber hinaus Wert legen, ist von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich. In Reinickendorf zum Beispiel ist es wichtig, dass die Pflegerinnen selbst in geordneten Familienverhältnissen leben mit eigenen Kindern und einem Ehemann, der verdient. Künftig sollen die Standards für Tagesmütter auch Hygienevorschriften umfassen, zum Beispiel, wie oft das Klo geputzt werden sollte. Ob sich die Ersatzmutter daran hält, können auch in Zukunft nur die Eltern selbst prüfen.

Die Jugendämter der Bezirke vermitteln Tagesmütter. Bei der Suche nach privaten Pflegerinnen hilft der Verein „Familien für Kinder“. Ansprechpartner findet man unter www.familien-fuer-Kinder.de

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