Die Angst bleibt, der Verräter ist noch nicht enttarnt

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Mykonos-Attentat vor 25 Jahren : Mord im Namen der Mullahs
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Phantombilder von zwei Tatverdächtigen. Man begriff schnell, dass zu den Attentätern libanesische Asylbewerber gehörten.
Phantombilder von zwei Tatverdächtigen. Man begriff schnell, dass zu den Attentätern libanesische Asylbewerber gehörten.Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer

Davon erfuhr Darabi in Teheran nichts, er fühlte sich so sicher, dass er nach Berlin zurückkehrte. Am 8. Oktober verhaftete ihn das BKA in seiner Zweitwohnung in der Wilhelmstraße, wo Frau und Kinder lebten. Bundesanwalt Jost sagt, man sei zu diesem Zeitpunkt schon von einem Akt des Staatsterrors ausgegangen.

Die Mullahs jagten schon bald nach der Revolution abtrünnige Soldaten, Studenten, Gewerkschafter, die aus dem Iran flohen. Bald lebten 12000 Iraner in Berlin. Und die Mykonos-Morde verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Machthaber in Teheran wurden nun auch im Exil wieder gefürchtet. Zumal der Spitzel, der das Treffen verraten hatte, nicht enttarnt war.

Dastmalchi wohnt wie damals in einem Steglitzer Altbau, drei Zimmer, Balkon. „So eine schöne Wohnung“, sagt er, „könnte ich mir heute neu nicht mehr leisten.“ Im Wohnzimmer hängt ein Plakat mit Motiven von Gustav Klimt, auf dem Tisch liegen Bücher, oben auf dem Stapel „Mörderische Identitäten“ des Franko-Libanesen Amon Maalouf. Im Flur zeigen Schwarz-Weiß-Bilder einen freieren Iran: Frauen mit offenem Haar statt Kopftuch, Männer mit Schlips, aus einer Zeit, als Iraner in Kinos, Bars, Clubs gingen.

Er allein würde die Mullahs nicht stürzen, das wusste Dastmalchi, doch wenn alle Kritiker so dächten, glaubte er, bliebe jede Veränderung aus. Er ging in die Offensive, schrieb Bücher, organisierte Proteste, hielt Vorträge. Um Stress abzubauen, begann er zu joggen. Er holt eine Karaffe aus der Küche, schneidet ein paar Gurkenscheiben ins Wasser und erzählt von der Zeit nach dem Attentat. Wie Drohbriefe regimetreuer Iraner ihn erreichten, wie seine Familie der Sicherheit wegen für einige Monate aus der Wohnung in Steglitz auszog. Wie er selbst unabkömmlich war im Flüchtlingsheim, das er für das Rote Kreuz leitete und wie er von dort den Lohn brauchte: „Ich bin jeden Tag um sieben zur Arbeit, ohne Personenschutz.“

Kazem Darabi (rechts) hielt sich als Mitglied der Revolutionsgarden im Hintergrund. Das Lokal stürmten die anderen.
Kazem Darabi (rechts) hielt sich als Mitglied der Revolutionsgarden im Hintergrund. Das Lokal stürmten die anderen.Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer

Zu Dastmalchis Leben gehören die konfliktreiche Geschichte des Iran, die ungelöste Kurdenfrage und die Mordkommandos der Mullahs seit jeher. Bundesanwalt Bruno Jost wurde erst während der Ermittlungen zum Experten. Als er im März 1993 die Anklage fertig hatte, wunderte er sich. Jost musste sie dem Bundesjustizministerium vorlegen: „Weder vorher noch nachher habe ich so was wieder erlebt.“ Die Bundesregierung wollte ihre „kritischer Dialog“ genannte Iran-Linie nicht aufgeben. Lange hatte man mit den Mullahs gesprochen, um im Nahen Osten mitreden zu können. Durch deutsche Vermittlung kamen westliche Hisbollah-Geiseln frei. Doch das Justizministerium gab die Anklage frei, obwohl das Attentat darin als iranischer Auftragsmord bezeichnet wurde. Außenminister Kinkel erklärte wie zum Trotz, es fehlten „eindeutige Belege“ für eine Mitwirkung des Mullah-Regimes.

Die Ermittlungen ergaben etwas anderes: Die Morde waren offenbar vom Chef des iranischen Geheimdienstes Ali Fallahian angeordnet worden. Noch eine Woche vor dem Prozess wurde Fallahian im Kanzleramt in Bonn empfangen.

In Berlin hingegen sperrten Beamte bald das Gericht in Moabit ab, auch israelische und amerikanische Einrichtungen rüsteten auf. Bruno Jost bekam Personenschutz. Selbst im Dorf bei Karlsruhe, in dem er mit Familie lebte, postierten sich Sicherheitskräfte.

Im Prozess zeigte sich schnell, dass der Planer des Attentats, Kazem Darabi, iranischer Agent war. Ob als Student, als Betreiber eines Gemüseladens in der Neuköllner Weserstraße, als Mieter zweier Wohnungen und als Kleriker in der Imam-Cafer-Sadik-Moschee – finanziell ging es Darabi stets erstaunlich gut. Regelmäßig hatte er Kontakt mit dem iranischen Konsulat in Dahlem. Iranische Diplomaten unterstützten ihn, nachdem er regimekritische Iraner geschlagen hatte oder die Technische Fachhochschule Berlin ihn wegen Fehlens zu exmatrikulieren drohte. Der britische Geheimdienst stufte Darabi schon in den Achtzigern als „höchst gefährlich“ ein, der BND riet dem Berliner Verfassungsschutz, Darabi zu überwachen. Das Gericht stellte fest: „Er gehörte den Pasdaran an und war für den iranischen Geheimdienst als freier Mitarbeiter tätig.“

Pasdaran werden die Revolutionsgarden genannt, die schnelle Truppe der Mullahs, die auch Verbündete im Ausland anleitet. In Berlin hat Darabi dabei allerdings versagt: Er überschätzte Sorgfalt und Durchhaltewillen seiner Handlanger. Die Waffen an der Straße zurückzulassen, statt sie in die Spree zu werfen, Fingerabdrücke zu verursachen, war schon dilettantisch genug gewesen. Und dann gestand auch noch ein Mittäter.

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