Warum war Darabi nicht überwacht worden?

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Mykonos-Attentat vor 25 Jahren : Mord im Namen der Mullahs
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Einst Nebenkläger-Anwalt, dann Senator: Wolfgang Wieland von den Grünen.
Einst Nebenkläger-Anwalt, dann Senator: Wolfgang Wieland von den Grünen.Rückeis

„Die Mullahs fühlten sich in Deutschland bis dahin gewertschätzt und sicher“, sagt Wolfgang Wieland, der damals als Nebenklageanwalt im Prozess auftrat. „Vielleicht waren die Agenten deshalb so nachlässig gewesen.“ Wieland, heute 69, blickt auf eine lange Karriere bei den Grünen zurück, die ihn auch zum Berliner Justizsenator machte. Seine Mandantin im Mykonos-Prozess war damals die Witwe des Übersetzers, der seinen Landsleuten im Reichstag beigestanden hatte.

In einem Café in Wilmersdorf erzählt Wieland, dass er im September 1992 nicht zum ersten Mal mit der iranischen Opposition zu tun hatte. Als am 2. Juni 1967 bei Anti-Schah-Protesten die Jubelperser auf Demonstranten einschlugen und Benno Ohnesorg erschossen worden war, protestierte auch Student Wieland auf den Straßen der Stadt. „Und nun hatten wir wieder das Gefühl, die iranischen Herrscher jagen in Berlin ihre Kritiker.“ Wieland saß zu dieser Zeit auch im Abgeordnetenhaus, seine Partei setzte einen Untersuchungsausschuss durch. „Uns wunderte: Wieso war Darabi nicht überwacht worden?“

Im Prozess trat der ehemalige Staatschef des Iran, Abdolhassan Banisadr, als Zeuge auf.
Im Prozess trat der ehemalige Staatschef des Iran, Abdolhassan Banisadr, als Zeuge auf.Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer

Sinngemäß erklärte Innensenator Dieter Heckelmann, CDU, im Ausschuss: Konkrete Anschlagshinweise hätten ebenso gefehlt wie Farsi-Übersetzer. Islamistische Fanatiker waren in Berlin etwas Neues, so richtig konnten die Abgeordneten dem Innensenator schwere Versäumnisse nicht nachweisen. Dennoch wurde Heckelmann 1994 die Zuständigkeit für den Verfassungsschutz entzogen, die Behörde der Senatskanzlei unterstellt.

In jenen Wochen erwirkte Bruno Jost einen Haftbefehl, Irans Geheimdienstchef Fallahian wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Zur steigenden Nervosität in Teheran trug bei, dass vor Gericht ein Kronzeuge aus Paris, Irans früherer Präsident Abdolhassan Banisadr, auftrat, um über die Kommandostrukturen der Geheimdienste zu berichten. Zeuge Banisadr drängte auch einen Überläufer zu einer Aussage. Bevor der aus dem Iran geflohene Ex-Agent das Gericht betrat, wurde die Presse ausgeschlossen. Richter Frithjof Kubsch verhängte ein Schweigegebot – Staatsanwälte, Angeklagte, Verteidiger, Wachleute, Stenografen durften mit niemandem über den „Zeuge C“ genannten Mann reden. Der schilderte, wie die Mullahs glaubten, dass funktionieren würde, was 1989 in Wien geklappt hatte: die Kurden zu liquidieren und die Mörder außer Landes zu schaffen. Deshalb seien die Exilanten nicht in Paris, sondern in Berlin getötet worden.

Für jeden Einsatz gelte ein Codewort, sagte Zeuge C, das an Vorgesetzte gemeldet und von ihnen bestätigt werde. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte im September 1992 Irans Botschaft in Bonn überwacht und den Funkspruch „Bozorg Allawi“ abgefangen. Zeuge C erklärte, er habe von dem Codewort noch im Iran erfahren, es habe „Faryad Bozorg Alavi“ lauten müssen: auf Verlangen des schiitischen Führers.

Der Kopf des Attentats - Kazem Darabi. Er saß 15 Jahre in Haft, seitdem soll er im Libanon leben.
Der Kopf des Attentats - Kazem Darabi. Er saß 15 Jahre in Haft, seitdem soll er im Libanon leben.Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer

Nach 247 Verhandlungstagen und 166 Zeugen, nachdem alles ins Arabische, manchmal in Farsi übersetzt wurde, fällte das Kammergericht im April 1997 sein Urteil: lebenslänglich für Darabi und den Fangschuss-Schützen, wegen besonderer Schwere der Schuld verhängten die Richter dabei 23 Jahre Mindesthaft. Zwei Libanesen erhielten wegen Beihilfe zum Mord mehrjährige Haftstrafen, ein Mann aus dem Umfeld der Clique wurde freigesprochen. Es sei offenkundig, sagte Richter Kubsch, dass die iranischen Machthaber die Morde beauftragten.

„Wir jubelten“, sagt Parviz Dastmalchi, der erst als Zeuge, dann als Zuhörer im Prozess war. „Damit hatten wir nie gerechnet.“ Nach der Verkündung tauchen die Richter unter. Die 397 Seiten Urteilsbegründung schrieben sie von Personenschützern abgeschirmt in einem Hotel. Auf Irans Straßen brüllten 100.000 Eiferer, Imame sprachen Todesbanne aus. Der Vizechef des Teheraner Parlaments sagte: „Wir müssen sämtliche Investitionen und Verträge mit Deutschland aufkündigen.“ Heute ist dieser Mann, Hassan Ruhani, iranischer Staatschef. Mit dem Urteil zogen die EU-Staaten ihre Botschafter aus Teheran ab. Die Gesandten kehrten zwar nach 18 Tagen zurück, doch auch diese Schamfrist schmälerte die Wirkung des Schuldspruchs nicht. Der Iran wurde isoliert, im Jahr 1997 exportierte Deutschland nur Waren im Wert von umgerechnet einer Milliarde Euro dorthin.

„Die Mordserie an Exiliranern in Europa stoppte“, sagt Wieland. „Manchmal muss Katastrophales passieren, damit gehandelt wird.“

Im April 1997 wird im Mykonos-Prozess das Urteil gesprochen. Ein SEK-Beamter bewacht das Gericht.
Im April 1997 wird im Mykonos-Prozess das Urteil gesprochen. Ein SEK-Beamter bewacht das Gericht.Nowak(2), Polizei, dpa(2), AP, Zeichnungen: Chr. Böer

Die Mullahs rächten sich. Ein deutscher Geschäftsmann wurde 1998 im Iran wegen „unsittlicher Beziehung“ zu einer Muslimin zum Tode verurteilt. Diplomaten glaubten, dass die Mykonos-Attentäter auf diese Weise freigepresst werden sollten. Die Bundesregierung blieb hart, nach zwei Jahren kam die Geisel frei. Darabi wurde 2003 von Berlin nach Dresden verlegt. Ein Schmuggel-Handy war in seiner Zelle gefunden worden und man fürchtete, der Agent könnte aus dem Tegeler Gefängnis wieder Getreue steuern.

In der Prager Straße, dort wo sich nun die Kita befindet, steht seit 2004 eine Gedenktafel. Nach den Namen der Opfer heißt es auf der Tafel: „ermordet durch die damaligen Machthaber im Iran“ – worauf der frühere Bürgermeister Teherans und spätere Präsident Irans, Mahmud Ahmadinedschad, seinem Berliner Amtskollegen Klaus Wowereit, SPD, einen Beschwerdebrief schrieb.

So setzen sich die Kämpfe bis in die Gegenwart fort. Manche haben an Schärfe sogar zugenommen – wie die Versuche des Iran, des Irak, der Türkei und Syriens zeigen, das neue Selbstbewusstsein der Kurden zu erschüttern.

Der Chefplaner des Attentats, Kazem Darabi, lebt heute mit seiner libanesischen Frau offenbar im Libanon. Dort gab er zuletzt Fernsehinterviews wie ein Popstar. Obwohl das Gericht eine Mindestdauer von 23 Jahren Haft festgelegt hatte, wurde Darabi nach 15 Jahren Haft abgeschoben, wie es bei ausländischen Häftlingen üblich ist.

Die Imam-Cafer-Sadik-Moschee, berichten Ermittler, sei immer noch ein Treffpunkt radikaler Muslime. Zuletzt fiel die Moschee 2016 auf: Ein Imam verweigerte an der Schule seines Sohnes einer Lehrerin den Handschlag.

Der Iran ist heute vorsichtiger. Im März 2017 verurteilte das Kammergericht dennoch einen Pakistaner zu vier Jahren und drei Monaten Haft: demnach hatte er Reinhold Robbe für Irans Geheimdienst ausspioniert. Der SPD-Politiker war Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Ein Verfassungsschützer sagte vor Gericht, Robbe könnte für den Fall, dass Israel den Iran angreift, ein Vergeltungsziel gewesen sein. Irans Botschafter, der heute in Dahlem residiert, ist für ein Gespräch nicht zu erreichen.

Parviz Dastmalchi macht weiter. Er fliegt oft nach London, tritt dort im Exilfernsehen auf. Das Regime, sagt er, könne die Widersprüche im Iran kaum noch kaschieren, wahrscheinlich komme es zu neuen Aufständen. „Hoffentlich“, sagt Dastmalchi, „läuft es anders als in Syrien.“

An diesem Spätsommertag will er an die Gefahren nicht denken, die mit einem Sturz des Regimes verbunden wären. Dastmalchi geht joggen: „Ich kenne einen schönen Weg mit viel Grün“, sagt er.

Die Strecke bleibt geheim.

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