Dastmalchi bleibt reglos liegen, erwartet den Tod

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Mykonos-Attentat vor genau 25 Jahren : Mord im Namen der Mullahs
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Überlebender: Parviz Dastmalchi, 68, steht am Tatort in der Prager Straße. Heute befindet sich dort eine Kita.
Überlebender: Parviz Dastmalchi, 68, steht am Tatort in der Prager Straße. Heute befindet sich dort eine Kita.Kitty Kleist-Heinrich

Die drei Parteifunktionäre und ein vierter Oppositioneller, der im Reichstag übersetzt hatte, brachen von Kugeln getroffen zusammen. Geschosse verletzten einen fünften Gast und den Wirt. Dastmalchi blieb reglos liegen. Nun schoss der zweite Täter den Kurden mit einer Pistole, Kaliber 7,65 Millimeter, in den Kopf. Dastmalchi dachte: „Jetzt tötet er auch mich.“ Doch plötzlich stürmten die Vermummten aus dem verwüsteten Lokal und rannten zu dem BMW in der Prinzregentenstraße. Mit dem Fluchtwagen rasten die fünf Verschwörer in die Cicerostraße. Dort stellten sie den BMW ab und schmissen die Tasche mit den Waffen unter ein Auto. Zwei Libanesen fuhren ein paar Tage später nach Westfalen zurück. Sharif, Mohamed und der dritte Libanese flogen nach Teheran. Auch Darabi reiste in den Iran. Zum Rapport.

Schon der Schah ließ im Iran foltern und morden. Als er 1979 von den Mullahs gestürzt wurde, änderte sich für die Kurden wenig. Das religiöse Oberhaupt, Ayatollah Khomeini, rief zum Dschihad gegen sie auf. Bis heute wollen die Mullahs ein zweites Mahabad verhindern. So wird die Kurden-Republik genannt, die 1946 unter dem Schutz von Sowjettruppen im Westiran existierte und nach elf Monaten von der iranischen Armee überfallen wurde. Errichtet hatte den winzigen Staat jene Demokratische Partei Kurdistans, deren neue Führung nun im Mykonos in ihrem Blut lag. Die Mullahs fürchteten, dass die Exilanten im Westen einflussreiche Verbündete finden würden – und suchten, die Opposition einzuschüchtern.

Die Spuren des Agenten in Berlin (für eine Nahansicht klicken sie auf die Karte).
Die Spuren des Agenten in Berlin (für eine Nahansicht klicken sie auf die Karte).tsp

Der iranische Geheimdienst Vevak stellte Oppositionellen weltweit nach. In Hamburg und Genf wurden 1987 desertierte Piloten erschossen, in Wien 1989 schon die frühere Spitze der Demokratischen Partei Kurdistans getötet. Nach Morden in Paris starb 1992 ein Dichter in Bonn. Und 1993 wurde ein Überläufer in Rom ermordet.

Oft kamen die Täter davon, weil sich keine Regierung mit dem Iran anlegen wollte. In Wien genossen die Täter offiziell den Schutz der iranischen Botschaft. Österreich kannte die Mörder, ließ sie aus Gründen der Staatsräson entkommen.

Doch das Attentat im Mykonos sollte sich als der eine Anschlag herausstellen, der zu viel war. Obwohl die Ausgangslage für Attentäter, in Berlin zuzuschlagen, historisch betrachtet gut war.

Bis 1989 schützte die Mauer vor Irans Geheimdienst, die DDR unterstützte die iranische Opposition. Nach dem Mauerfall begannen die iranischen Agenten, sich sicherer zu fühlen. Zudem exportierte die Bundesregierung 1992 mehr als andere Industriestaaten in den Iran, Waren für umgerechnet 4,1 Milliarden Euro. Doch der Vierfachmord wird nicht nur Berlin, die Bundesrepublik, die Europäische Union erschüttern, sondern auch den Iran. Der Anschlag beendete fast die Karriere von Innensenator Dieter Heckelmann, CDU. Außenminister Klaus Kinkel, FDP, stand unter Druck. Es dauerte, dann änderten die EU-Regierungen ihren Iran-Kurs. Und auch wenn es erst nicht danach aussah, fühlte sich die Exilopposition langfristig ermutigt. Im Iran fordert heute die militante Kurdenpartei PJAK das Regime heraus, und zwar so, dass die schiitischen Mullahs mit der sunnitischen Regierung der Türkei gemeinsam gegen die Kurden vorgehen wollen.

Nur Stunden nach der Tat übernahm die Bundesanwaltschaft aus Karlsruhe den Fall, zuständig für Terrorismus- und Spionagefälle. Mit Reiseschreibmaschinen rückten Ermittler des Bundeskriminalamtes, des BKA, an. Zuständiger Bundesanwalt war Bruno Jost.

Heute ist er Sonderbeauftragte des Berliner Senats im Fall Anis Amri: Ex-Bundesanwalt Bruno Jost klagte die Mykonos-Mörder an.
Heute ist er Sonderbeauftragte des Berliner Senats im Fall Anis Amri: Ex-Bundesanwalt Bruno Jost klagte die Mykonos-Mörder an.Pedersen/dpa

Der frühere Chefermittler, 68 Jahre alt, lebt immer noch bei Karlsruhe. An einem Spätsommerabend 2017 sitzt er, der eigentlich im Ruhestand sein müsste, in einem Restaurant in Berlin-Mitte und isst Spiegelei. Jost kommt gerade aus der Berliner Innenverwaltung, wo er Akten geprüft und Beamte befragt hat. Der Senat ernannte Jost im März 2017 zum Sonderermittler, um den Anschlag am Breitscheidplatz zu untersuchen – auch das war ein islamistisches Massaker.

„Ich landete schon am 18. September 1992 in Berlin“, sagt Jost, der damals nicht ahnte, dass er sich vier Jahre lang mehrere Tage die Woche in Berlin aufhalten würde. „Am Ende war es mein wichtigster Prozess.“ Der Bundesanwalt richtete sein Büro in einem gerade leer gezogenen Haus der US-Armee am Flughafen Tempelhof ein.

Kurz nach dem Attentat meldete sich ein Mann bei der Polizei, der später Iraks Staatspräsident werden sollte. Dschalal Talabani war als irakischer Sozialdemokrat auf Einladung der SPD im Reichstag gewesen. Seine Kämpfer, berichtete Talabani danach Bundesanwalt Jost, hätten an der Grenze iranische Milizionäre festgenommen, und die hätten gestanden, dass Attentate auf Kurden geplant seien.

Eine frühe Spur. Doch wie verlässlich konnte sie sein? Fünf Tage nach den Morden im Mykonos fand ein Passant die Tasche mit den Tatwaffen. Ein Fingerabdruck haftete auf der Pistole, deren Seriennummer in den Iran führte. Dann meldete sich der Bundesnachrichtendienst. Der BND führte unter regimetreuen Iranern eine Quelle, die erfahren haben wollte, dass zwei Libanesen aus Westfalen mit falschen Papieren auszureisen beabsichtigten – die beiden wurden festgenommen. Es waren der Pistolenschütze und die Wache an der Tür. Letzterer gestand den Ermittlern fast alles.

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