Berlin : Myra Wahrhaftig (Geb. 1930)

Stein auf Stein ins neue Bewusstsein.

Thomas Loy

Reduzierte Formensprache, sagen die Fachleute. So sieht die Moderne aus, wenn sie dem Betrachter als Haus begegnet. Viele finden das unterkühlt. Myra leuchtet, wenn sie davon spricht. Ihr Gesicht hat aber auch etwas Forderndes, Strenges, besonders im Vortrag, es ruft: Schau genauer hin!

Ein Brief an Markus, den Freund und Fotografen. Er beginnt mit „L. M.“, modern reduziert für „Lieber Markus“. Markus schreibt zurück und beginnt mit: „L. M.“ Die Moderne sieht überall gleich aus.

Myras Chance, jetzt ist sie da, 1987. Die Internationale Bauausstellung steht kurz vor dem Abschluss, Myra hat einen Termin beim Chef, dem Star-Architekten Josef Paul Kleihues. Es geht um feministische Architektur, das Aufbrechen dunkler Küchenzellen, den fließenden Raum. Kleihues zeigt höfliches Desinteresse: Wirklich nicht seine Baustelle. Vielleicht kann man da ein kleines Projekt ...

„Das ist hier kein Alibi. Das ist mein Thema!“ Myra kämpft. Kleihues ist beeindruckt und streckt die Waffen. Sie darf ein Haus bauen, in dem Mann und Frau miteinander wohnen können, nicht mehr nebeneinander.

Die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung und der Versuch ihrer Überwindung. So war Myras Dissertation überschrieben. Nun würde es eine Überwindung geben, Stein auf Stein ins neue Bewusstsein. Myra, die Baumeisterin einer neuen Zeit.

Es dauert fünf Jahre, bis das Haus in der Dessauer Straße fertig ist. Inzwischen ist die Mauer gefallen, und die Zunft berauscht sich am Pathos architektonischer Debatten über die Wiedergewinnung der deutschen Hauptstadt. Myras Haus verhält sich diesbezüglich eher schweigsam, in sich gekehrt. Es glänzt nach innen, ein grenzenloser Lebensraum ohne Flure und fast ohne Türen. Myra ist gleich selbst eingezogen, um es zu genießen. Alle Bewohner seien sehr zufrieden, sagt sie. Das ist ihre Messlatte für Erfolg.

Weitere Projekte zerschlagen sich. Die Baumeisterin ist nicht trainiert im Präsentieren, Kaschieren und Taktieren. Sie hat keinen Apparat, um große Wettbewerbsentwürfe zu erstellen. Ihre offene, direkte Art brüskiert viele Gesprächspartner. Myra hat zu lange für andere gearbeitet, für Männer.

Im Für-Männer-Arbeiten ist die Feministin Myra einfach gut. 500 deutsch-jüdische Architekten befreit sie aus dem Verlies des Beschweigens und Vergessens: Sie versammelt sie in einem Lexikon. Eine Mammutaufgabe, auf die sie Jahre ihres Lebens verwendet. Die Häuser dieser Verfemten und in die Emigration Getriebenen stehen überall in Berlin, aber ihre Namen kennt kaum jemand.

Die Arbeit an dem Projekt zermürbt Myra. Es gibt wenig Helfer, viele leisten passiven Widerstand, darunter auch einige Hausbesitzer. Myra, die Israelin, bemüht sich, es nicht persönlich zu nehmen und fühlt sich doch abgelehnt. Ein Politiker schreibt ihr, sie sei „zu emotional“. Wie anders kann man an eine Aufgabe herangehen? Sie liebt das Land für seinen Geist, seine Sprache, seine Musik, seine technische Präzision und die Freunde, die sie gewonnen hat, aber wirklich verstehen kann sie das Land ihrer Wahl nicht.

Zurück nach Israel? Vielleicht später. „In Israel haben sie keine Kultur“, schimpft Myra. Die klassisch-modernen Gebäude aus der Gründerzeit, die schönen Art-Deko-Fassaden in Tel Aviv – vieles verfalle und verkomme.

Die jüdischen Architekten aus Deutschland hat Myra auf der Hochschule in Haifa kennen gelernt. Dorthin war ihre Familie aus dem russisch-polnischen Grenzgebiet am Ende des Ersten Weltkriegs geflohen. Von Haifa ging sie nach Paris, in ein Architekturbüro, das den Auftrag erhielt, die „Rostlaube“ für die Berliner FU zu bauen, ein Projekt der Avantgarde, das Aufsehen erregte. Myra wechselte ins neu eröffnete Planungsbüro nach Berlin und kam von der Stadt nicht mehr los.

Einmal im Jahr fliegt sie zur Tochter nach Israel. Dienstags geht sie oft zum Vortrag in die Topographie des Terrors, schwere, düstere Kost, mittwochs ins Kino, am liebsten was zum Lachen, „Borat“, „Alles auf Zucker“, donnerstags Yoga. Am Wochenende besucht sie mit einem Freund die Philharmonie.

An einem Dienstag, mitten am Tag, vor einer Bankfiliale in der Friedrichstraße versagt ihr Herz. Thomas Loy

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