Berlin : Mythen und Riten: Altes, Neues, Gebrauchtes, Blaues

Holger Müller-Hillebrand

"Something old and something new, something borrowed and something blue." Es gibt wohl kaum eine Freundin, die der Heiratswilligen diesen Reim nicht augenzwinkernd aufsagt - denn der englische Vers gehört nicht nur zu den ältesten, sondern auch zu den bekanntesten in Bezug auf Hochzeitsbrauchtümer. In ihm wird aufgezählt, welche vier Dinge die Braut bei der Hochzeit zu tragen habe: nämlich etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues. Dieser Brauch stammt aus England. Das "Alte" - meist sind dies Erbstücke - steht für den Lebensabschnitt als Ledige, während das "Neue" - zum Beispiel das Brautkleid oder die Schuhe - das Leben als verheiratete Frau darstellen soll. Das "Geliehene", dargestellt etwa durch ein Schmuckstück der besten Freundin, symbolisiert die Freundschaft und das "Blaue" schließlich eine der wichtigsten Tugenden der Ehe: die Treue. Hierbei genügt es schon, wenn die Strumpfbänder blau schimmern. Das Brautkleid selbst sollte nämlich keineswegs blau sein - wenigstens dann nicht, wenn man einem alten Aberglauben vertraut, der besagt, dass blaue Hochzeitskleider nur Verdruss und weiße nur Freude bringen. Wer diesen Brauch nun mit dem ungleich bekannteren Ritual des über die Schwelle Tragens zusammengebracht hat, ist nicht bekannt. Der Brauch, seine Angetraute in Person über den Türrahmen zu heben, ist dagegen uralt. Eine Erklärung: Die bösen Geister, die unter der Schwelle hausen sollen und das junge Eheglück stören könnten, würden so überlistet. Andere Quellen sprechen weniger mystisch davon, dass der Mann seiner Frau auf diese Weise Stärke und Schutz beweisen sollte. Jedoch gilt, was auch Walter Gerlach in seinem "Lexikon des Aberglaubens" schreibt: Die clevere Frau springt als Erste über die Schwelle - und sichert sich so die Herrschaft im Haus.

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