Berlin : Mythen und Riten: Die Braut entführen

Ulrike Demmer

Da hat Mann gerade noch mit klopfendem Herzen das "Ja, ich will!?" über die Lippen gebracht und zum Zeichen des frisch gewonnenen Teamgeistes Hand in Hand mit dem Neuerwerb die Hochzeitstorte angeschnitten - und dann so was. Die Braut ist weg. Nur selten lässt dieser Umstand auf einen Sinneswandel der Angetrauten schließen. In den meisten Fällen handelt es sich um Fremdverschulden, um den sogenannten "Brautraub": Während die Hochzeitsfeier in vollem Gange ist, entführen Freunde die Braut in ein nahe gelegenes Lokal. Der Bräutigam muss die Braut suchen und als Auslöse die Zeche bezahlen. Bemerkt der Stoffel das Verschwinden seiner frisch gebackenen Ehefrau nicht, bekommt er einen Besen als Braut verkleidet in die Hand gedrückt. Ein Brauch, der die Trennung von den Eltern und den Übergang in eine neue Lebensgemeinschaft symbolisiert. Führende Hochzeitsveranstalter warnen allerdings vor missbräuchlicher Anwendung und zweifeln an der Akzeptanz dieser Form des Ehegattensplitting. Völlig inakzeptabel sei es zum Beispiel, eine Braut zu entführen und sie mitten auf einem See mit einem Floss auszusetzen. So geschehen auf dem Thunersee. Drei Stunden lang wartete die Braut auf ihren Mann. Ohne Sonnenschutz, ohne Getränke. Der Bräutigam war am Ende so wütend, dass die beiden nicht zur Gesellschaft zurückgekehrt sind. Irgendwie verständlich. So ein Fest ist ja auch so teuer. Wer wollte da das Buffet allein den Gästen überlassen. Darum sei allen Amateurräubern mit auf den Weg gegeben: Lassen sie die Braut professionell von einer Eventagentur entführen. Solche Veranstalter haben erfahrene Stuntmen und Schauspieler im Angebot, die unter Anleitung eines Regisseurs Spuren legen, denen auch ein bereits beschwipster Bräutigam noch folgen kann. Die Profis, wahlweise als Indianerhorde oder Räuberbande getarnt, garantieren eine schnelle und spannende Entführung, die jede Hochzeit krönt, aber nicht unterbricht.

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