Berlin : Mythen und Riten: Die Wegsperren

Holger Müller-Hillebrand

Wer kennt dieses Ritual nicht: Beim Verlassen der Kirche oder des Standesamts heißt es für viele frischvermählte Paare, erst einmal gemeinsam einige Hindernisse zu überwinden. Ob der Bräutigam ein Herz in ein Bettlaken zu schneiden und seine Liebste hindurch zu tragen hat, ob ein dicker Baumstamm den Weg versperrt und gemeinsam zersägt werden muss oder ob ein gespanntes Seil das Hochzeitsauto an der Abfahrt hindert - all diese Hindernisse und Wegsperren gehen auf alte "Sperrbräuche" zurück, die früher in Deutschland weit verbreitet waren. Damals versuchten meist die Nachbarn und Freunde der Braut, den festlich geschmückten Hochzeitswagen mit Stricken, Bändern und Stangen aufzuhalten. Zur Weiterfahrt genügte es jedoch in aller Regel nicht, die Hindernisse einfach aus dem Weg zu räumen. Ähnlich wie beim Brautzoll, mit dem die "geraubte" Frau erlöst wurde, hatte der Bräutigam auch bei diesen Wegsperren oft einen - nicht gerade kleinen - Tribut zu bezahlen. Symbolisch bedeutete dieses Brauchtum, das auch "Vorspannen", "Bannen" oder "Hemmen" genannt wurde, oft mehr als nur ein Loskaufen des Mannes vom Ledigenstand. Meist galt es für den Ehemann gleichzeitig, durch sein Entgelt die Braut aus ihrer Dorfgemeinschaft freizukaufen. In einigen Gegenden besaßen die zu zahlenden Abgaben darüber hinaus aber noch eine andere, tiefergehende Bedeutung: Das junge Paar sollte zum Nachdenken über das Leid anderer angeregt werden. So wurden mit den erzwungenen Spenden die ärmeren Bevölkerungsschichten unterstützt.

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