Berlin : Mythen und Riten

Ulrike Demmer

Montag essen Sie Ravioli. Dienstag Pichelsteiner Eintopf. Mittwoch gibt es Nasi Goreng. Donnerstag und Freitag noch mal Ravioli. Von allen Fertiggerichten aus der Dose schmecken Ravioli einfach am besten. Und Sie sollten sich nicht allzu viel quälen müssen. Nur weil Ihre Freunde heiraten. Aber fünf Büchsen müssen es schon sein, wenn Sie für ordentliches Geklapper am Hochzeitswagen sorgen wollen. Wer auf Stil achtet, sollte es sich nicht nehmen lassen, die Etiketten zu überkleben. Am besten in den Lieblingsfarben der Braut. Mit einem Dosenmilch-Piekser stechen sie nun ein Loch in den hoffentlich lupenrein gespülten Weißblech-Boden. Nun müssen Sie die Dosen nur noch auf einer reißfesten Kordel aufreihen. Und fertig ist das perfekte Hochzeitspräsent für Ihre Freunde. Schleichen Sie sich während des Ja-Wortes aus der Kirche, beziehungsweise dem Standesamt und binden Sie ihr Werk an die hintere Stoßstange des Hochzeitsgefährts, in der Regel markiert durch üppigen Blumenschmuck. Diverse Ratgeber empfehlen, die Dosen zur Sicherheit mit Hautcreme zu beschmieren um etwaige Lackschäden zu vermeiden und Ihre Freundschaft zum Brautpaar nicht unnötig aufs Spiel zu setzen.

Und nun: Warum das Ganze? Sie bewahren das frischgebackene Paar vor Geistern und Kobolden. Die zwielichtigen Wesen aus der Unterwelt mögen keinen Lärm und werden so den Eheleuten nicht so übel mitspielen, sagt der Brauch. Übrigens ein Import aus den USA. Den Amerikanern mit ihrer kultigen Campbell Soup fällt es natürlich auch leichter, die Dosen zu sammeln. Wer will schon dauernd Dosenravioli essen.

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