Berlin : Mythen und Riten

Holger Müller-Hillebrand

Zu der Zeit, als für Eltern die eigenen Kinder die einzige Altersabsicherung darstellten, galt es, den Nachwuchs möglichst gewinnbringend unter die Haube zu bringen. Vor allem in der bäuerlichen Tradition wurde größter Wert darauf gelegt, dass der Ehegefährte zum eigenen Spross passte - nicht als Geliebter, sondern hinsichtlich seines Standes, Besitzes und Ansehens. Aussehen galt als völlig nebensächlich. Für diese oft gar nicht so einfache Suche existierte ein eigener Berufsstand: der des Brautwerbers oder Brautsuchers. Dabei handelte es sich um einen Mann, der hoch zu Ross in die Dörfer geritten kam und hier versuchte, für seine "Kundschaft" einen entsprechenden Partner zu gewinnen. Die erste Aufgabe des Brautwerbers bestand stets darin, seine Auftraggeber genau kennen zu lernen - schließlich lag es an ihm, diese später so gut wie möglich anzupreisen. Oft hatte der Brautwerber auch Abfuhren einzustecken. Die wurden allerdings in der Regel - ebenso wie positive Antworten - durch Essensgaben symbolisiert: Im Westfälischen beispielsweise standen dick bestrichene Butterbrote für ein "Nein", während in Oberbayern das Servieren eines Schmarrens, eines fettigen Grießgemischs, ein "Ja" ausdrückte. Übrigens: Viele behaupten, dass sich im Zusammenhang mit diesem Brauchtum auch das geflügelte Wort, "einen Korb bekommen zu haben", eingebürgert habe. Denn kehrte in Holland ein Brautwerber mit einem leeren Korb zurück, in dem zuvor ein Honigkuchen aufbewahrt worden war, galt der Antrag als abgelehnt.

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