Berlin : Mythen und Riten

Holger Müller-Hillebrand

Wenn in früheren Zeiten ein Bund fürs Leben geschlossen wurde, heirateten nicht einfach nur zwei Menschen. Oft verbanden sich dadurch gleichzeitig zwei komplette Familien oder sogar Dörfer miteinander. Und da viele Bauernhochzeiten auch einen Güterausgleich zwischen wohlhabenderen und ärmeren Dörfern darstellten, war es häufig so, dass es bei der Eheschließung um Eitelkeit und Selbstbewusstsein, aber ebenso um Habgier und Neid der Gemeindemitglieder ging. Diese paradoxen Gefühle waren es, die zu den zahlreichen Wettkämpfen und Spielen geführt haben, welche - in veränderter Form - noch heute im Rahmen einer jeden Hochzeitsfeier abgehalten werden. Maskierte junge Männer verstellten dem Brautzug den Weg, "raubten" die Braut und führten dem Bräutigam eine verkleidete alte Frau zu. Die richtige Braut hatte der Bräutigam mit einem Zoll auszulösen. Dieser Brautzoll diente nicht selten dazu, soziale Unterschiede zwischen den Familien oder Gemeinden durch eine Geldzahlung auszugleichen. Erst danach galt der Hochzeitssegen der Dorfbewohner als gegeben. Da es heute nicht mehr um den Ausgleich sozialer Unterschiede geht, hat man sich im Laufe der Zeit neue Begründungen für den Brautzoll einfallen lassen. So heißt es, dass sich der Bräutigam mit seinen Spenden angeblich von seinen Jugendsünden freikaufen kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar