Berlin : „Na, alle da? Oder fehlt einer?“

Peter Grabert ist mit 75 Jahren Berlins ältester Busfahrer. Er könnte nicht ohne

Lucas Vogelsang

Vier Uhr morgens im BVG-Hof Cicerostraße. Ein Rangierer, ein Fahrer und ein Suchender. „Peter Grabert?“ Der Fahrer blickt fragend. Der Rangierer nicht: „Der alte Mann? Der war schon hier.“ Die Augen des Fahrers leuchten. „Fährt der Peter etwa immer noch?“ Das tut er. Pünktlich um 4.14 Uhr lenkt Berlins ältester Busfahrer die Linie 188 vom Hof und auf die Stadtautobahn in Richtung Rathaus Steglitz.

Am Kreisel setzt er ein. Es geht zur Appenzellerstraße und zurück. Fünf Mal. Bis um kurz nach neun Schluss ist.

Peter Grabert trägt sein schlohweißes Haar sauber gescheitelt, den Bart in gleicher Farbe adrett rasiert. Mit seinen großen Brillengläsern wirkt er wie ein gutmütiger Märchenonkel. Er ist, wie an jedem Freitag, früh aufgestanden und mit dem Auto aus Friedenau nach Wilmersdorf gefahren. Seit sieben Jahren arbeitet der 75-Jährige dort für das BVG-Tochterunternehmen Berlin Transport. Bei der großen BVG darf er seit 1995 nicht mehr. Damals ist er, wie es üblich war, nach fast vierzig Jahren als Schaffner, Straßenbahn- und Busfahrer mit 64 in Rente gegangen. Es begann eine unerträgliche Zeit für den Unermüdlichen. „Ich habe es vermisst, unter Menschen zu sein.“ Einfach still sitzen war nicht Seins. Dann meldete sich ein alter Arbeitskollege. Ein privates Busunternehmen suchte Reservefahrer. Grabert besaß noch eine Fahrerlaubnis und viel Kraft. „Damals habe ich mich einfach gefreut, für ein paar Monate aushelfen und wieder hinter dem Lenkrad sitzen zu dürfen.“ Er lacht ein helles, freundliches Lachen. Aus den paar Monaten sind fast zehn Jahre geworden.

„Ich habe viel Glück gehabt, dass ich noch fahren darf“, sagt Grabert. Den Stolz, immer noch fit genug zu sein für die täglichen Herausforderungen „auf Linie“, kann er dabei kaum verhehlen. Er grinst breit, als er verrät, was ihn seit Jahrzehnten fit hält: kein Alkohol, kein Tabak und nur eine Frau für ein Leben. Seit 1952 ist er verheiratet. Eine andere hat es nie gegeben.

Die Liebe zur Arbeit auf den Straßen Berlins entdeckte er ein paar Jahre später, eher zufällig. Sein Onkel Max, selbst Schaffner, überzeugte den gelernten Tischler, bei der BVG anzufangen. Grabert begann als Reserveschaffner, später fuhr er die Straßenbahnen. Zu einer Zeit, als die noch offen waren. Grabert ist ein Berliner Original, samt Schnauze, Humor und Lausbubencharme. Er kennt jeden seiner Fahrgäste. Den alten Mann mit der Zeitung unter dem Arm, der jeden Morgen zur Endstation fährt und dann zurückläuft, oder die junge Frau, die immer eine Minute zu spät kommt. Er wartet jedes Mal geduldig. Die Straßennamen spricht er aus wie die alter Freunde und Saufkumpane.

Zu jeder Kreuzung, zu jedem Kopfstein kann er eine Geschichte erzählen. Am Rathaus Steglitz wendet er sich an die Fahrgäste in dem halbgefüllten Bus: „Na, alle da? Oder fehlt einer?“ Müdes Gemurmel. Es riecht nach Nachtschicht, nach kalter Zigarettenasche und frischer Zeitung. Die Stadt schläft. Grabert ist hellwach. Er klatscht gut gelaunt in die Hände. „Dann können wir ja jetzt!“ Nachdem ihm bei der letzten Untersuchung erneut vom Arzt die Tauglichkeit für den Großstadtverkehr attestiert wurde, will Grabert noch ein paar Jahre weiterfahren. Und dann selbst bestimmen, wann er seinen Bus für immer im Hof an der Cicerostraße abstellt. Denn: Für ihn ist das Busfahren „so etwas wie ein Lebenselixier.“ Die Tür schließt mit einem leisen Zischen, der Bus rollt an. Eine neue Runde beginnt. Es wird nicht seine letzte sein.

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