Berlin : Nach 15 Jahren tot gefunden - dort, wo er verschwunden war

Fritz Alfred Grosser war einer von tausenden vermissten Berlinern

Katja Füchsel

Fritz Alfred Grosser blieb verschwunden, damals vor 15 Jahren. Obwohl die Polizei das gesamte Pflegeheim nach dem 88-Jährigen durchkämmt hatte, den Keller, die Umgebung der Lichterfelder Boothstraße. Von dem Insassen fehlte seit November 1988 jede Spur – bis am Dienstag ein Monteur im Zimmer der Heimleitung vorsprach: „Wir haben da ein Problem.“

In einem Versorgungsschacht hatten die Handwerker eine mumifizierte Leiche gefunden, bekleidet mit einer Jogginghose. Vermutlich Fritz Alfred Grosser. Selten gelten Menschen so lange als vermisst, aber in den Polizeiwachen der Stadt zählen die Anzeigen zum täglichen Geschäft: 7799 Menschen wurden im vergangenen Jahr in Berlin als vermisst gemeldet, davon 3533 Erwachsene, 2973 Jugendliche und 1293 Kinder. Die meisten Fälle erledigen sich in den ersten Tagen von allein. Fünf Fälle bleiben im Schnitt jährlich offen. Das LKA wird nur dann sofort eingeschaltet, wenn ein Kind verschwindet.

„Bei den Erwachsenen handelt es sich in erster Linie um verwirrte Rentner, die aus Altersheimen verschwunden sind“, sagt Matthias Tkotsch von der Vermisstenstelle im LKA. Erst, wenn die alten Leute auch nach zehn Tagen nicht gefunden wurden, bekommt das LKA die Akte auf den Tisch. Über 30 Jahre Berufserfahrung haben Tkotsch gelehrt: „In der Regel findet man die Gesuchten dann entweder tot oder sie sind als hilflose Person in Kliniken gebracht worden.“

Einige Beispiele: Vergangenen März wurde im Versorgungsschacht des Lichterfelder Bethel-Krankenhauses die Leiche eines vermissten Patienten entdeckt. Der 70-Jährige hatte sich mit Tabletten umgebracht. Im November 2002 wurde die Leiche eines 86-Jährigen im Keller des Krankenhauses Neukölln gefunden. Er hatte sich verirrt. Im Winter 2001 erfror eine ausgerissene 81-Jährige Heimbewohnerin an der Havel .

Auch wenn ein Jugendlicher als vermisst gemeldet wird, bearbeitet den Fall erst einmal die zuständige Direktion. Denn in dieser Gruppe führen die Heiminsassen die Statistik an. Jungen, die die Sperrstunde der Anstalt verpasst haben. Mädchen, die sich von ihrem Freund nicht trennen konnten. „Jugendliche werden selten Opfer eines Verbrechens.“ Auch bei den Kindern sei die Aufklärungsquote hoch: In den letzten 30 Jahren blieben nur neun Fälle offen.

Niemand weiß, wie Alfred Grosser vor 15 Jahren in den Schacht hineingekommen ist. Aber auch heute muss im Lichterfelder Altersheim zuweilen ein Patient eingesammelt werden. „Es passiert, dass verwirrte Bewohner scheinbar ziellos loslaufen“, sagt Heimleiterin Ursula Frentsch. Rund 90 alte Menschen leben in dem Heim. „Man kann nicht alles kontrollieren.“ Aber man könnte der Polizei die Suche erleichtern. Denn auch Kinder und Rentner haben heute oft Handies. Die Polizei könnte über ein solches Geräte den Vermissten orten. „Das ist aber aus Datenschutzgründen verboten.“

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