Berlin : „Nach 16 Stunden Dienst wird jeder Patient zum Feind“

Ein Assistenzarzt in der Berliner Unfallchirurgie berichtet über seine Mammutschichten und den Versuch, trotz Stress und Übermüdung fehlerfrei zu arbeiten

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Karsten Schmidt ( geändert) ist Assistenzarzt in der Unfallchirurgie eines großen Berliner Krankenhauses. Ingo Bach sprach mit dem 38-Jährigen über den Alltag eines Klinikarztes nach 20 Stunden ununterbrochenen Dienst. Weil es schwer ist, darüber öffentlich zu sprechen, ohne berufliche Nachteile zu spüren, haben wir das Interview anonymisiert.

Ärztevertreter beschwören die Gefahr, dass ein übermüdeter Arzt Fehler macht. Wie groß ist diese Gefahr für die Patienten?

Viele Eingriffe gerade in der Unfallchirurgie sind Routine mit standardisierten Handgriffen. Die spult man ab, ohne nachzudenken. Die würde man wahrscheinlich sogar nach 48 Stunden Dienst einigermaßen hinbekommen. Und ob die Schraube, die man in einen gebrochenen Knochen eingesetzt hat, fest sitzt, ist nach der Operation nicht mehr rekonstruierbar. Wer will sagen, ob die Komplikationen an dem schwierigen Bruch lagen oder aber an der Schraube, die nicht perfekt ist, weil der Chirurg nach 24 Stunden pausenlosem Operieren die Geduld verlor. Einige Patienten wären sicher besser operiert, wenn sie ein wacher Arzt behandelt hätte.

Auch Klinikärzte haben einen normalen Arbeitstag. Doch diesem Dienst schließt sich oft noch ein zwölfstündiger Bereitschaftsdienst an. Laut Arbeitszeitgesetz darf von dieser Zeit nur maximal 49 Prozent gearbeitet werden. Hat diese Regel etwas mit der Realität zu tun?

Bei uns behandelt ein Bereitschaftsarzt von morgens sieben bis 16 Uhr in der Ersten Hilfe Patienten. Im anschließenden Bereitschaftsdienst geht es mit der gleichen Betriebsfrequenz weiter. Bis 24 Uhr, manchmal bis zum nächsten morgen um fünf, ohne eine Pause. Zum Beispiel dann, wenn nach Dienstschluss zehn Patienten in der Notaufnahme warten. Dann weiß ich, dass ich die nächsten vier Stunden nicht zum Luft holen komme. Dann arbeite ich ruhiger, in einem Tempo, in dem ich gut durchhalten kann.

Klar beschweren sich dann Patienten, dass es nicht vorwärts geht und sie ewig warten mussten. Wenn dann der Dienst sowieso schon sehr stressig ist, man wenig Zeit hat dann passiert es schon, dass man den Patienten überfährt. Oder die Befragung früh abbricht, obwohl man mit mehr Geduld mehr herauskriegen könnte.

Ein Patient, der nachts mit einem Notfall kommt, hat also Pech?

Nachts sind einem die Patienten am liebsten, die gar nichts sagen. Ab sechzehn Stunden Dienst wird jeder Patient zum Feind. Er hält mich vom Schlafen ab, obwohl ich todmüde bin. Der verhindert, dass ich mal eine Pause machen kann, endlich etwas essen kann. Natürlich kämpfe ich gegen dieses Gefühl an. Aber wenn ich um drei Uhr morgens aus dem Bett geholt werde, obwohl ich mich eine halbe Stunde vorher gerade erst hingelegt hatte, und dann kommt da einer an, der sich den kleinen Finger geprellt hat oder mit Bauchschmerzen, die er schon seit drei Wochen hat, dann wird man richtig sauer.

Haben Sie manchmal Angst, einen Patienten nicht richtig behandelt zu haben?

Manchmal wache ich morgens auf und frage mich, habe ich den jetzt in der Nacht wirklich richtig behandelt, wenn man zum Beispiel einen Betrunkenen mit einer Platzwunde wieder nach Hause schickt. Man kann nie ausschließen, dass er eine Gehirnerschütterung hat. Aber ich kann nicht die ganze Station mit Betrunkenen beschäftigen. Und manchmal ist man so müde, dass man den großen Aufwand gar nicht mehr treiben möchte. Und dann am nächsten Morgen denke ich, das könnte genau diese Geschichte werden, die alle Ärzte fürchten. Ein Patient, der aus der Notaufnahme heraustorkelt und dann mit einer Hirnblutung im Straßengraben stirbt. Solche Zweifel gehören zum Beruf dazu, nicht unbedingt nur zum Bereitschaftsdienst. Aber wenn man übermüdet ist, dann sind die Zweifel, die man nachher hat, einfach größer – und die Gefahr, etwas falsch gemacht zu haben, auch.

Die Behandlung besteht ja nicht nur aus der rein medizinischen Technik. Wieviel Zeit haben Sie für ein Gespräch mit den Patienten?

In der Regel bleibt für den menschlichen Kontakt wenig Zeit. Bei den Neuaufnahmen versuche ich, mir schnell einen Überblick zu verschaffen. Ich räume Patienten in eine Schublade. Und klebe das Etikett „Liegenlassen“ und „Dringend was tun“ drauf. Die Patienten merken diesen Zeitdruck recht schnell, spüren, dass man eigentlich nur ein paar kurze Antworten will. Die meisten stellen sich darauf ein. In solcher Situation muss der Patient sich mir anpassen, es geht nicht anders. Sonst verschenke ich zuviel Zeit.

Insgesamt liegen auf meiner Station dreißig Patienten. Bei der Visite am Vormittag müssen bei jedem einzelnen Probleme geklärt werden, beispielsweise welche Medikamente angesetzt werden müssen und wer noch mal operiert werden muss. Die Visite ist eine beliebte Gelegenheit, bei der sich Patienten unbeliebt machen können. Immer wieder werde ich aufgehalten. Wenn man schon im ersten Zimmer fünfzehn Minuten feststeckt, weil von vier Patienten drei was wollen, dann ist das ein schlechtes Omen für die Visite. Denn eigentlich sollte man durch die acht Zimmer in einer Stunde durch sein.

Aber ich hoffe, dass ich wenigstens die Mindestanforderungen in Höflichkeit erfülle. Und zumindest unter dem Stress nicht vergesse, mich vorzustellen, damit der Patient weiß, wer ihm da auf dem Bein herumdrückt und warum.

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