• Nach 25 Jahren als "Dienststellenleiter" geht Hans-Jürgen Heß in den Ruhestand - und wird Lobbyist im Bundestag

Berlin : Nach 25 Jahren als "Dienststellenleiter" geht Hans-Jürgen Heß in den Ruhestand - und wird Lobbyist im Bundestag

Brigitte Grunert

Sein Titel hat sich überlebt, der Träger geht. "Leiter der Dienststelle Berlin des Deutschen Bundestages" - das klingt fast schon wie ein Relikt aus grauer Vorzeit. 25 Jahre war Hans-Jürgen Heß Chef im Reichstagsgebäude. Seit heute ist er Pensionär. "Unglaublich glücklich" fühlt er sich - weil der Bundestagsumzug im Wesentlichen geschafft ist. Ach was: "Das Wort Umzug ist eine Verniedlichung." Wenn er den ganzen Tross der Politik, Diplomatie und Verbände samt Beschäftigten betrachtet, kommt er auf 30 000 oder gar 40 000 Neuberliner: "Das ist die Blutzufuhr, die wir brauchen."

Seine Wehmut hält sich in Grenzen, denn Heß hat vorgebaut, "um mit 64 nicht in ein Loch zu fallen". Als neuer Bundesgeschäftsführer des Zentralverbandes der Ingenieur-Vereine geht er unter die "Lobbyisten" und damit weiter in dem Haus ein und aus, "von dem ich mich doch nicht lösen kann". Aufwandsentschädigung genügt. Was ein Lobbyist braucht, sind Kontakte, und die hat der Urberliner reichlich. Auf der bundes- und landespolitischen Bühne kennt er sich aus, mit vielen steht er auf Du und Du.

Ein Postinspektor hat sich nach oben gearbeitet. Heß studierte nebenher an der Freien Universiät Politische Wissenschaften, promovierte über die Nachkriegsentwicklung der Berliner SPD, der er angehört, war Bezirksverordneter in Zehlendorf, neun Jahre hauptamtlicher Vorsitzender der Postgewerkschaft Berlin und 14 Jahre Abgeordneter im Berliner Parlament. Seine erste Frau, die er durch den Tod verlor, war als sozialdemokratische Bürgermeisterin in Wedding sehr populär; das Erika-Heß-Stadion trägt ihren Namen.

Den Gewerkschaftsvorsitz gab er 1974 auf, die damalige Bundestagspräsidentin Annemarie Renger lockte ihn in den Reichstag. Berliner CDU-Vertreter im Bundestag redeten damals ein Proporz-Machtwort mit, natürlich. Zusammen mit Heß wurde dessen Stellvertreter Edmund Mattig (CDU) eingestellt. Die beiden kannten sich aus dem Abgeordnetenhaus und verstanden sich prächtig. Der Dritte im Bunde war schon da, ein FDP-Mann. Hans-Jürgen Heß fing als Regierungsdirektor an, als Ministerialdirigent hörte er auf.

Selbst Christo kannte er schon bald 20 Jahre, bevor er den Reichstag verhüllte: "Der besuchte mich kurz nach meinem Amtsantritt eines Sonntags zu Hause in Schlachtensee und machte mir seine Idee schmackhaft." Doch damit konnte sich zu Mauerzeiten kaum jemand anfreunden. Dass der Reichstag seiner Bedeutung entkleidet und die Einheit in die Ferne gerückt war, sollte nicht durch Verhüllung bloßgelegt werden. "Unsere Aufgabe war es, Leben in die Bude zu bringen", erzählt er.

Seit dem Viermächte-Abkommen tagten zwar die Bundestagsfraktionen jeweils zwei Mal im Jahr feierlich im Reichstag, manchmal auch Ausschüsse, aber sonst wirkte er gespenstisch leer. Das änderte sich, als die Dauerausstellung "Fragen an die deutsche Geschichte" installiert und westdeutsche Besuchergruppen durchs Haus gelotst wurden: "Wir bekamen dadurch jährlich mindestens eine halbe Million Menschen ins Haus."

Grotesken hat er erlebt. Der Ost-Eingang, den heute die Parlamentarier benutzen, war verriegelt, denn die Mauer stand davor, aber, wie überall, etwas nach Osten versetzt. Ab und zu erschienen Ost-Grenzer und hackten vor den Stufen Wildwuchs weg: "Es war direkt komisch." Geglückte und tragische Fluchtversuche durch die Spree hat er beobachtet: "Wir haben Flüchtlinge hier im Haus trocken gerieben." Das letzte Drama erlebte er im September 1989; zwei kamen durch, einer wurde vom Schnellboot der NVA erwischt.

Vom Balkon zeigt Heß auf die Bundestagsbauten an der Nordseite, wo früher ein Autoparkplatz war, und erzählt amüsiert von Bauplänen des Senats der achtziger Jahre: "Die Mitte Deutschlands sollte gerade gut genug sein für das Kammergericht." Der Bundestagspräsident litt es nicht, das war weise.

Als die Mauer fiel, begann "der Tagungsbetrieb" und damit auch für Heß ein ganz anderes Arbeiten. Deswegen kandidierte er 1990 nicht wieder für das Abgeordnetenhaus. Den Abend des 20. Juni 1991, an dem der Bundestag zu Bonn den Hauptstadtumzug beschloss, wird der "Dienststellenleiter" nie vergessen: "Ich telefonierte Kollegen zusammen, wir gingen in ein Grunewaldlokal und haben fürchterlich einen draufgemacht. Wir wussten, dass wir jetzt erst richtig gebraucht wurden."

Das Ergebnis zeigt er stolz: "Hier sehen Sie die Klarheit und Noblesse von Norman Foster, bayerischer Kalkstein-Fußboden, helle Wände, Metall, Glas, nur in den Sälen Mut zur Farbe." Vergessen sind die Probleme und Rivalitäten bei der Bau- und Umzugsplanung. "Berliner Hochmut" habe es auch gegeben, "ich bemühte mich, friedensstiftend zu wirken". Jetzt freut er sich, "wie schnell die Bonner Berliner werden, die Zahl der Pendler nimmt schon ab." Natürlich nerven Dinge, die noch nicht passen, aber: "Im Grunde klappte der Umzug doch wie ein Uhrwerk." Die Mängelliste und der Streit um das Honorar für Foster geht ihn schon nichts mehr an.

Nur eines ärgert ihn. Die beiden imposanten Bronzekandelaber vor dem Ostportal, die wunderbar heil den Krieg, den Schwarzen Markt, die Buntmetalldiebstähle und die Mauer überstanden haben, passten den Architekten nicht mehr ins moderne Bild. Diese Wallot-Relikte wurden eingelagert. Vielleicht sorgen die Baukommission und der Kunstbeirat doch noch dafür, dass sie wieder aufgestellt werden; Hans-Jürgen Heß wünscht es sich.

Eingemottet sind auch die zwölf Figuren aus einem alten Ringleuchter. Aufregend war ihre Wiederentdeckung in den siebziger Jahren in einer Hamburger Kupferraffinerie, wo sie im Krieg eingeschmolzen werden sollten. Frau Renger ließ sie als Figurenschmuck im Hause aufstellen. Nach dem Umbau wusste man nicht, wohin damit.

Heß kann mehr aufregende Geschichten erzählen, als in seinem Wegweiser durch die Geschichte und Architektur des Reichstages stehen, der bald erscheinen soll. Der Titel steht bereits fest: "Unter der Kuppel." Nach den letzten hektischen Jahren konnte er sich einen "gleitenden Übergang in den Ruhestand" leisten. Sang- und klanglos endete gestern sein Amt; es war der Letzte seiner vielen nachgeholten Urlaubstage. Die offizielle Verabschiedung samt Feierei hat Zeit bis Oktober - eine Terminfrage des Bundestagsdirektors. Aber inoffiziell ist er ja so oft im Hause.

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