Berlin : Nach 50 Jahren schließt Don-Bosco-Heim

Das Haus in Wannsee galt als Modell für jugendliche „Problemfälle“ – nun fehlt dem Orden das Geld

Andreas Kaiser

Es war ein schleichender, weitgehend unbemerkter Tod. Ausgerechnet zum Osterfest gingen in der Zehlendorfer Kinder- und Jugendeinrichtung der „Salesianer Don Boscos“ endgültig die Lichter aus. Nachdem der weltweit drittgrößte katholische Männerorden bereits im Sommer 2003 die Ausbildungsstätte für benachteiligte Jugendliche in Lehrberufen wie Maler, Schreiner, Schlosser, Gärtner, Florist und Tierpfleger geschlossen hatte, musste jetzt auch am Wannsee der Heimbereich dichtgemacht werden.

Bis vor kurzem waren bei Don Bosco noch 60 Kinder untergebracht, die inzwischen alle in andere Einrichtungen verlegt worden sind. Neben elf Ordensmitgliedern wohnt einzig noch der Erzieher Klaus Bauer zusammen mit drei Pflegekindern auf dem Gelände. „Seit der Gründung der Einrichtung im Jahr 1955 haben rund 5000 Kinder Don Bosco durchlaufen“, sagt Bauer. In Spitzenzeiten waren auf dem 85 000 Quadratmeter großen, parkähnlichen Gelände unweit des Wannsees bis zu 60 Mitarbeiter und 20 Ordensbrüder beschäftigt, die bis zu 100 als „Problemfälle“ geltende Kinder betreuten.

Rund um die Uhr. Ihre Erzieher, Ausbilder und Seelsorger haben mit ihnen zusammen gewohnt, gespielt, gearbeitet, geredet, gelitten und gebetet. Ganz so wie es der Gründer des Ordens Giovanni „Don“ Bosco einst vorschrieb: „Da sein, damit das Leben gelingt“. Die vielen Sport- und Spielplätze auf dem Gelände standen ebenso wie der Streichelzoo jederzeit offen. Immer mal wieder musste die Polizei nach Einbrüchen, Schlägereien oder Drogendelikten einschreiten. Für viele Jugendliche aber war Don Bosco der letzte Versuch der Eingliederung. „Wir haben immer auch die Schwierigsten genommen. Jugendliche, die schon aus vier, fünf, sechs Heimen rausgeflogen sind“, sagt Pater Johannes Thiemann, der geistliche Leiter der Ordensgemeinschaft.

Und Bauer ergänzt: „Früher hieß es, 80 Prozent der Heimkinder landen im Knast. Nur 20 Prozent schaffen es. Bei uns war es umgekehrt.“ Es galt das Prinzip der „tätigen Nächstenliebe und Gelassenheit“, wie Pater Thiemann sagt. Für viele Mitarbeiter bedeutete die Arbeit oft auch Verzicht auf Urlaub, Freizeit, Privatsphäre. Einige sind nach der Entlassung nicht sonderlich gut auf den Orden zu sprechen. Hinter vorgehaltener Hand bemängeln sie, dass die Salesianer mehr zur Rettung der Einrichtung hätten tun können. Über ein erweitertes Angebot, etwa die Einrichtung von mehr ambulanten Pflegestellen oder die Verpachtung von Teilen des Geländes sei zu spät nachgedacht worden.

Auch wurde das Heim erst 1997 für Mädchen geöffnet. Zuvor waren dort nur Jungen untergebracht. Neuen, strafferen Strukturen hätte unter anderem das deutsche Arbeits- und Kündigungsrecht entgegengestanden, sagt Pater Franz-Ulrich Otto, der Leiter des Don-Bosco-Trägerwerkes. Spätestens seit den 90er Jahren kamen verstärkt Jugendliche nach Zehlendorf, die stärker gestört, viel schwieriger zu betreuen gewesen seien als ihre Vorgänger, bestätigt Pater Thiemann. Die Arbeit hätten die Salesianer mit den älteren Mitarbeitern nicht mehr geschafft, so der Tenor. „Was hier verloren geht, ist die große Familie. Es war immer jemand da, der dich aufgefangen hat“, sagt Erzieher Bauer. Egal, ob ein Kind eine Krise hatte oder ein Pädagoge oder Ausbilder unter der Last des Alltags litt. Doch das ist nun vorbei.

Zumindest bis Ende 2005 will Bauer, der für seine Tätigkeit einen neuen Träger gefunden hat, mit seinen drei Pflegekindern auf dem Gelände bleiben. Denn noch haben die Salesianer keinen Käufer für ihr Anwesen mit einem geschätzten Wert von 40 bis 50 Millionen Euro gefunden. Ein Angebot des Unternehmers Douglas Fernando, der bereits die Immobilienfirma „Petruswerk“ des Erzbistums gekauft hatte, schlug der Orden aus. Der Investor wollte am Don Bosco-Steig eine Privatschule gründen. „Das ist nicht unsere Klientel“, sagt Pater Thiemann.

Als Grund für die Schließung nennt Pater Otto vor allem Nachwuchssorgen und finanzielle Defizite. Zwar hat der 1859 in Italien gegründete und nach dem Heiligen Franz von Sales genannte Orden heute weltweit 18 000 Mitglieder, unterhält in rund 120 Ländern knapp 2000 Einrichtungen (Jugendzentren, Schulen und Ausbildungsstätten) für Straßenkinder. Doch vor allem im Deutschland will kaum noch jemand Mönch werden. Von den elf in Wannsee lebenden Patres sind nur noch zwei beruflich aktiv. Alle anderen sind über 70 Jahre alt, in Rente oder Pflegefälle“, sagt Pater Otto. Vor zehn Jahren sah das noch anders aus. Da haben bis zu 20 Brüder als Ausbilder, Handwerksmeister oder Erzieher mitgearbeitet. Doch die Ordensmitglieder sind „nach und nach rausgewachsen“. Die entstandenen Lücken wurden mit teuren Angestellten gefüllt. Parallel dazu wurden die öffentlichen Mittel immer knapper.

„Da ist sehr viel Wut“, sagt Pater Otto mit Blick auf die Jugendpolitik Berlins. „Für benachteiligte Kinder gibt es überhaupt keine Lobby mehr.“ Dass mit Don Bosco ein Vorzeigeprojekt stirbt, ist allerdings auch dem Senat bekannt. „Das Angebot war immer völlig in Ordnung. Da gab es nichts zu bemängeln“, heißt es aus der Jugendverwaltung. Für die Schließung sei man nicht verantwortlich. Finanziert wurde die Einrichtung aus Mitteln der Bezirke und Jugendämter. Auf deren Vergabe habe der Senat keinen Einfluss. Doch für Pater Otto ist das eine Ausrede. „Da wurde massiv runtergefahren“, sagt er. „Die Latte für die stationäre Heimunterbringung wurde immer höher gelegt, so dass zum Schluss überhaupt nicht mehr eingewiesen wurde.“ Stattdessen seien preiswertere, ambulante Hilfen bevorzugt worden.

Allein 2003 wollten noch 180 Jugendliche eine Ausbildung in Zehlendorf absolvieren. Von den Ämtern bewilligt aber wurde nur ein einziger Lehrplatz. Die Auswirkungen waren fatal. Auf dem freien Markt fanden die abgewiesenen Jugendlichen keine Jobs. Und der Orden, der seine Mitarbeiter natürlich weiterbezahlen musste, fuhr zuletzt Defizite in Höhe von 800 000 Euro ein. Die Brüder mussten sie mit Mitteln aus der Ordenskasse begleichen, so Otto.

Immerhin konnte jüngst das unter der Obhut der Salesianer gegründete Reittherapiezentrum gerettet werden. Es wird ab April als selbstständiger Betrieb per Pachtvertrag von Jessie Laubenheimer weitergeführt. Die engagierte Heilpädagogin hatte 1984 als Praktikantin bei Don Bosco angefangen.

Das Heim selbst soll zumindest im virtuellen Raum weiterleben; sozusagen eine österliche Auferstehung feiern. Erzieher Bauer hat dazu den Freundeskreis Don Bosco gegründet. Über das Internetportal www.dfbberlin.de sollen ehemalige Mitarbeiter und Jugendliche miteinander im Kontakt bleiben und sich vernetzen. „Es kann nicht sein, dass alles vorbei, alles weg ist“, sagt Bauer.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben