Berlin : Nach acht Jahren traute sich das Scheidungskind

Kirsten Wenzel

Sibille und Peter Banowski sind seit acht Jahren ein Paar. Modell: Einheit der Gegensätze. Sie: zierlich und dunkel. Er: groß und blond. Sie will am liebsten immer gleich „das Eingemachte“ diskutieren, er neigt dazu, den Frust in sich hineinfressen. Die ersten zwei Jahre haben sie viel gestritten, über tausend Missverständnisse, sagt Sibille Banowski. Jetzt ist es manchmal fast zu harmonisch.

Sie leben in Neukölln. Das Haus steht am Ende der Herrfurthstraße, unmittelbar am Flugfeld Tempelhof. Die Stadt scheint hier plötzlich zu Ende zu sein. Keine Kneipen, kein Durchgangsverkehr, selbst die Motorengeräusche der Flugzeuge hört man nur leise. Das Merkwürdigste ist das Licht. Die blauen und roten Markierungslichter des Flughafens tauchen die Straße am Abend in eine taghelle Kunststimmung, wie bei Filmaufnahmen.

Den Banowskis gefällt es. Vor der Wohnung hatten sie schon ihren Schrebergarten in der Straße, auch direkt am Flugfeld. Jetzt können sie vom Küchenfenster aus hinunter zur Laube schauen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Im Sommer wird draußen im Garten gefrühstückt, es ist ruhig, die Luft meist gut, die Eichhörnchen hüpfen über den Tisch, die Igel huschen vorbei.

Sibille Banowski ist 33, Peter 39 Jahre alt. Ihr Sohn Jonas wird in diesem Sommer drei. Peter arbeitet als Nachrichtentechniker, Sibille als Schuldnerberaterin. In der Küche duftet es noch nach gefüllten Paprikaschoten vom Abendessen. Jonas schläft schon. „Als Jonas zur Welt kam, haben alle gesagt: Jetzt müsst ihr doch endlich heiraten. Schon wegen der Absicherung für den Kleinen.“ Nicht sehr überzeugend fand Peter Banowski das, und von Steuerersparnissen wollte er schon gar nichts hören.

Er war ein Scheidungskind. „Es gab kein glückliches Ehepaar in meiner ganzen Familie“ erinnert er sich. Der Trauschein ist keine Garantie, das ist eine Lebensweisheit. Er macht nur die nötige Trennung schwerer. Die Absicherung, das Sorgerecht für Jonas, das regelten sie lieber vertraglich.

Und Sibille? War sie auch so skeptisch? Zurückhaltend, das ja. Die Beziehung muss stimmen, sagt sie. Der Inhalt, nicht die Form. Zärtlich und offen miteinander umgehen, die gemeinsame Verantwortung für das Kind, das zählt. Heiraten, naja, vielleicht irgendwann mal. Und warum haben sie es dann doch getan? Inklusive Antrag beim Schwiegerpapa und großem Fest? Da wächst man so ran, sagt Peter: „Meine Freundin, mein Freund, das klang plötzlich teeniemäßig.“ Zu unreif, zu unentschieden, wenn man ein zweijähriges Kind hat. Der Rest ist das übliche Mysterium. Gefühle. Sehnsucht nach Symbolischem. Letztlich Unerklärbares.

Doch etwas muss ihm, dem Heiratsgegner, doch auch Mut gemacht haben. Gut, sagt er. Es ist das Foto. Es hängt in ihrer Küche an der Wand, er hat es aufgenommen. Es zeigt Sibilles Eltern, zwei sonnengebräunte, lächelnde Gesichter, mit vielen Falten darauf. Seine Schwiegermutter lehnt ihren Kopf gegen die Schulter ihres Mannes. Sie sind 52 Jahre verheiratet. Und sie sehen glücklich aus.

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