Nach Brandbrief : Die Furcht vor den Restschulen bleibt

23.08.2011 17:13 Uhrvon
Lösungen anzetteln. Beim Ethik-Unterricht, hier ein Bild aus der Carl-Zeiss-Oberschule in Lichtenrade, stehen Themen wie Integration und Konfliktlösung auf dem Lehrplan. Foto: Thilo Rückeis
Lösungen anzetteln. Beim Ethik-Unterricht, hier ein Bild aus der Carl-Zeiss-Oberschule in Lichtenrade, stehen Themen wie Integration und Konfliktlösung auf dem Lehrplan. - Foto: Thilo Rückeis

Nach dem Brandbrief der Heinrich-Mann-Sekundarschule ist die Debatte über Aussichten der Sekundarschulen erneut ausgebrochen. Vom Spagat zwischen Dauerschwänzern und Bildungswilligen.

Nach dem jüngsten Brandbrief der Neuköllner Heinrich-Mann-Sekundarschule wird sie wieder gestellt – die Frage, ob Berlin auch ohne Hauptschulen weiter Restschulen haben wird. Wer in den Problembezirken nach einer Antwort sucht, bekommt vor allem eines zu hören: Man kann Restschulen vermeiden – aber nur mit starken Schulleitern, guten Konzepten und einem vollständigen Kollegium.

Was so einfach klingt, ist in der Praxis schwierig umzusetzen. Das fängt schon mit den Schulleitern an, denn das Beamtenrecht macht es nahezu unmöglich, schwache Rektoren zu entlassen.

Wenn sie sich nichts Justitiables zu Schulden kommen lassen, gibt es für eine Schule keinen Ausweg.

Und das hat Folgen. Denn gute Lehrer verspüren verständlicherweise wenig Bedürfnis, an eine Schule mit schwacher Leitung zu wechseln. In der Konsequenz sind unbeliebte „Wanderpokale“ – also Lehrer, die keine Schule lange behalten will – und Überhanglehrer aus abgewickelten Schulen überproportional in diesen Schulen vertreten.

Und damit wäre man beim dritten Punkt, den guten Konzepten: Sie zu entwickeln und umzusetzen bedarf großer Kraft, Motivation und Erfahrung – alles Eigenschaften, die wiederum nur in intakten Kollegien so stark gebündelt sind, dass ein anspruchsvolles Konzept auch langfristig durchgehalten werden kann.

Viele ehemalige Hauptschulen, aber auch frisch fusionierte Schulen haben sich als neu gegründete Sekundarschulen nach neuen Konzepten umgesehen, wobei sie einen Spagat leisten müssen: Einerseits sollen sie den leistungsfähigeren Schülern gerecht werden, die einen Mittleren Schulabschluss oder sogar das Abitur anstreben. Andererseits brauchen sie Lösungen für schwache Schüler und Dauerschwänzer bis hin zu gewaltbereiten Jugendlichen. Denn diese Problemkinder machen nicht nur sich selbst das Leben schwer, sondern können auch den gesamten Unterricht torpedieren und die bildungsbewussteren Schüler aus einer Schule vergraulen.

Wie viel Phantasie und Elan manche Schulen aufwenden, um diesen Spagat zu schaffen, lässt sich beispielsweise anhand der Tempelhofer Sekundarschule an der Ringstraße besichtigen. Um ein gutes Klima zu schaffen – ohne Mobbing, Respektlosigkeit und Gewalt – kooperiert die Schule jetzt mit Angehörigen des buddhistischen Shaolin-Tempels. Die geplanten Trimesterkurse zu „Kommunikation und Konfliktbewältigung“ werden am heutigen Mittwoch erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Siebt- und Achtklässler sollen in die Lage versetzt werden, als Streitschlichter zu fungieren und sogar zusätzliche Aufgaben wie Aufsichten zu übernehmen. In Klasse 9 und 10 durchlaufen sie die Ausbildung zum Vertrauensschüler und übernehmen Patenschaften für jüngere Schüler, was an der Schule auch bisher schon üblich war.

Renate Lecke, die Leiterin der frisch fusionierten Neuköllner Nobel-Sekundarschule, glaubt, dass die neuen Sekundarschulen gelingen können. Die Ausstattung mit Lehrern und Sozialarbeitern reiche aus, sofern alle Stellen besetzt seien – und sofern sich die Problemschüler nicht zu sehr häuften. „Es gibt Schüler, die einfach nicht zu integrieren sind, Schüler, bei denen wir machtlos sind. Für sie müssten anderweitige Lösungen gefunden werden“, fordert Lecke. Es sind Schüler wie jene, die jetzt den neuesten Brandbrief der Heinrich-Mann-Schule auslösten, weil sie Lehrer und Schüler angriffen, Möbel zertrümmerten oder sogar in die Aufgänge urinierten.

Die Bildungsverwaltung will von speziellen Schulen für solche Schüler nichts wissen. Sie verweist auf die Jugendhilfe, mit der gemeinsam Lösungen gefunden werden müssten. Dass das nicht einfach ist, bestreitet allerdings niemand. Die Integration dieser Klientel bleibe eine „Kernfrage“, heißt es in der Senatsverwaltung. Und diese Frage soll auf der nächsten Sitzung der Schulleiter erneut behandelt werden. Denn eines ist sicher: Hauptschulen, auf die man diese Schüler schicken kann, gibt es nicht mehr. Und das Neuköllner Internat für besonders schwierige Schüler hat auch keine unbegrenzten Kapazitäten – und ist die teuerste Lösung.

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