Nach dem 1. Mai : Ein wenig Ruhe für den Rasen

Viel wurde gestritten um das ehemalige Camp der Flüchtlinge in Kreuzberg. Auch der Rasen war Dauerthema. Unser Autor Mohamed Amjahid wünscht dem Gras auf dem Oranienplatz alles Gute.

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Der Rasen auf dem Oranienplatz könnte Geschichte erzählen. M. Amjahid
Der Rasen auf dem Oranienplatz könnte Geschichte erzählen.M. Amjahid

Für Ordnungsfanatiker und Putzteufel war es am 1. Mai zu später Stunde ein abstoßender Anblick, das hatte sich schon den ganzen Tag angebahnt: Plastikbecher, Zigarettenkippen, Politflyer und Kotze bedeckten das satte Grün des frisch verlegten Rasens auf dem Oranienplatz. Überreste vom „Fest des Kapitalismus“, wie sehr linke Kritiker das Kreuzberger Myfest schmähen. Doch als die Besucher des Straßenfestes den Rasen nach Einbruch der Dunkelheit räumten, sah man, dass die totale Zerstörung der Grashalme ausgeblieben war.

Wer hätte das gedacht: Erst kürzlich war noch ein Streit darüber entbrannt, dass nach der Räumung des Flüchtlingscamps zunächst ein Zaun aufgestellt wurde. Der Rasen sollte in Ruhe wachsen, sich von den Strapazen der Flüchtlingsrevolte erholen. Zuvor hatten Befürworter der Camp-Räumung gewettert, dass Platz und Rasen allen gehörten, nicht nur einer Handvoll unzufriedener Flüchtlinge. Was aber überhaupt nicht eingeleuchtet hatte: den Rasen für 5000 Euro vor dem 1. Mai verlegen lassen, wo er doch garantiert wieder zertrampelt würde.

Kein Gras im Sudan

Egal, dieser Streit ist Geschichte. Am 2. Mai geht es dem Rasen offenbar gar nicht so schlecht. Der Müll ist verschwunden. Das Gras atmet, trinkt durstig vom Regenwasser, das sogar die Kotze als wertvollen Dünger in den Boden spült. Und das Beste: Dieser Rasen ist selbst bei den Flüchtlingen vom Oranienplatz ein Hit. Am Rande ihrer Protestaktion am Donnerstag war er bei ihnen ein beliebtes Gesprächsthema. Ein Flüchtling aus dem Sudan schwärmte, dass es in seiner Heimat selten so saftig grünen Rasen wie hier gebe. Alleine deswegen habe es sich gelohnt, nach Deutschland zu kommen, die Strapazen der Flucht auf sich zu nehmen. „Wie schaffen es die Deutschen in Windeseile, hier wieder etwas gedeihen zu lassen?“, fragte er lachend seine Mitstreiter. Ihr Protestcamp war weg, und schwupp, schon wuchs Gras drüber. Das sei eben deutsche Effizienz.

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