Nach dem Fliesen-Unfall an Berliner U-Bahnhof : BVG: "Wir haben keinen Sanierungsstau"

Die Liste bröselnder Bahnhöfe in Berlin ist lang. Der Fahrgastverband spricht von "400 Millionen Euro Sanierungsstau". Was meinen Sie denn?

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Abgesperrt. Der Bahnhof am Mittwoch gegen 18 Uhr.
Abgesperrt. Der Bahnhof am Mittwoch gegen 18 Uhr.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der U-Bahnhof Gneisenaustraße soll „keine Zwischenkosmetik“ erhalten, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Der Bauleiter habe entschieden, die vorbereitenden Arbeiten für die geplante Grundsanierung im nächsten Jahr vorzuziehen. Grund ist der Unfall auf dem Bahnhof am Mittwochnachmittag. Fliesen hatten sich von der Tunnelwand gelöst und einen U-Bahnzug beschädigt.

Der Zugverkehr wurde für anderthalb Stunden komplett eingestellt. Der U-Bahnhof Gneisenaustraße, erbaut in den 20er Jahren des alten Jahrhunderts, steht auf einer Sanierungsliste der BVG. „Er ist fällig“, sagte Reetz. Wie lange schon, sagte sie nicht. Dass die BVG einen Sanierungsstau vor sich herschiebe und die maroden Bahnhöfe und Gleisanlagen langsam zur Gefahr für die Fahrgäste werden, wies Reetz zurück. „Wir haben keinen Sanierungsstau.“

Baustellen derzeit auf 55 U-Bahnhöfen

Derzeit liefen Bauarbeiten an 55 Bahnhöfen, von kleineren Instandsetzungen bis zur großen Grundsanierung, „viel mehr kann der Betrieb auch nicht verkraften“. Jede Baumaßnahme müsse intern und mit der S-Bahn abgestimmt werden. „Wir müssen uns ja auch um den Ersatzverkehr kümmern.“

Dass sich an der einen oder anderen Stelle mal eine Fliese löse, könne trotz regelmäßiger Kontrollen nicht ausgeschlossen werden, sei aber keine wirkliche Gefahr für die Fahrgäste. In der Gneisenaustraße werde man nun beginnen, in Teilbereichen Fliesen abzuschlagen und Zwischendecken rauszunehmen – immer in den nächtlichen Betriebspausen.

300 Millionen Euro für die Netz-Sanierung

Die Grundsanierung soll drei Millionen Euro kosten, das meiste davon verschlingt der Einbau eines Fahrstuhls. Auf der aktuellen BVG-Bauliste stehen die U-5-Bahnhöfe Neue Grottkauer Straße und Hönow, die U-7-Bahnhöfe Zitadelle und Rudow, die U 9 mit den Stationen Birkenstraße, Westphalweg und Friedrich-Wilhelm-Platz sowie der Bahnhof Seestraße der U6. Gebaut wird derzeit bereits am U-Bahnhof Hallesches Tor. Vor zwei Jahren hatte BVG-Chefin Sigrid Nikutta von einer Finanzierungslücke bei der Sanierung der Infrastruktur von jährlich 100 Millionen Euro gesprochen. Damals wurden rund 250 Millionen Euro jährlich in die U-Bahn-Anlagen investiert, inzwischen sei man bei 300 Millionen Euro im Jahr, versicherte Reetz. Das Geld komme fast ausschließlich vom Senat.

Fahrgastverband beklagt Sanierungsstau

Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb findet es entschuldbar, wenn der BVG mal eine Fliese von der Wand rutscht. „Da gibt es keinen Grund zur Panik, allerdings ist das ein Symptom für den Sanierungsstau.“ Den beziffert Wieseke auf derzeit 400 Millionen Euro. Die BVG sollte sich darauf konzentrieren, in den Anlagenbestand zu investieren statt Neubauprojekte voranzutreiben. Derzeit stehen eine Verlängerung der U 1 nach Ostkreuz und die Weiterführung der U 8 ins Märkische Viertel auf der Wunschliste der Verkehrsplaner. Entscheiden müssen letztlich Senat und Abgeordnetenhaus.

Fliesen auf den Gleisen. Im U-Bahnhof Gneisenaustraße fielen Wandteile herab und beschädigten einen einfahrenden Zug. Eine Scheibe barst. Zur Sicherheit wurde dann die gesamte betroffene Wandfläche freigeklopft.
Fliesen auf den Gleisen. Im U-Bahnhof Gneisenaustraße fielen Wandteile herab und beschädigten einen einfahrenden Zug. Eine Scheibe...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Konkrete Vorhaben gibt es derzeit nur beim Ausbau des Straßenbahnnetzes. Bis 2020 sollen alle U-Bahnhöfe barrierefrei sein, also einen Fahrstuhl haben, für die Grundsanierung von Bahnhöfen und Tunneln ist noch mehr Zeit eingeplant. Derzeit wird an der Tunneldecke der U 7 an der Karl-Marx-Straße in Neukölln und der U2 zwischen Bismarckstraße und Ernst-Reuter-Platz gearbeitet. Der U-Bahn-Tunnel ist dort mehr als 100 Jahre alt.

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1 von 82Alexander Rentsch
30.03.2017 08:35U-Bahnhof Lindauer Allee - Foto: Alexander Rentsch

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