Berlin : Nach dem G-8-Gipfel: Der Horror begann kurz nach Mitternacht

Barbara Nolte

Am Freitagmorgen ist die "Junge Welt"-Mitarbeiterin Kirsten Wagenschein aus Genua nach Berlin zurückgekehrt. Wagenschein war während des G 8-Gipfels bei Recherchen in eine Polizei-Razzia geraten. Obwohl sie sich als Journalistin ausweisen konnte, war sie für fünf Tage inhaftiert. Sie bestätigt die schweren Vorwürfe der vergangenen Tage gegen die italienischen Sicherheitskräfte.

Die vorletzte Nacht hat sie noch in einem italienischen Polizeibus verbracht, auf dem Weg zum Brenner, zu ihrer Abschiebung. Die letzte im Fond eines alten Peugeots von Freunden Richtung Berlin. Nach ein paar Stunden Schlaf schlurft Kirsten Wagenschein mit blauen Badeschlappen durch den Neonlicht-Flur der "Junge-Welt"-Redaktion am Alexanderplatz. Auf dem Weg zur Pressekonferenz umarmt sie einen Kollegen.

Ein Strauß steht auf dem Tisch, extra für sie: ein Strauß Mikrophone. In der vergangenen Woche, in der sie für die "Junge Welt" nach Genua fuhr, in der sie verschollen war und in einem italienischen Gefängnis wieder auftauchte, in dieser Woche hat Kirsten Wagenschein gewisse Berühmtheit erlangt. Anderen in Genua erging es nicht viel besser als ihr. Und doch war sie etwas besonderes: Unter die Opfer der italienischen Sicherheitskräfte war eine Journalistin geraten.

Ihre Horrorgeschichte beginnt Samstag, kurz nach Mitternacht. Zu letzten Recherchen sei sie noch in die Diaz-Schule gegangen, ein Nachtlager der Globalisierungsgegner. Da stürmte die Polizei das Haus. Die Menschen flüchteten das Treppenhaus hinauf, erzählt Wagenschein. Sie schaffte es in eine Besenkammer. Und, versteckt in dieser Besenkammer, hörte sie Schreie, sie hörte Wimmern und tretende, prügelnde Polizisten. Nach einer halben Stunde wummerte ein Polizeistock auch an ihre Tür. Sie hielt den Polizisten als erstes ihren Presseausweis entgegen. Ein Presseausweis ist in demokratischen Gesellschaften eigentlich so etwas wie ein Schutzschild. Sie haben ihr ihn einfach abgenommen.

Kirsten Wagenschein streift beim Erzählen immer wieder durch ihre franseligen, blondierten Haare. Sie redet schnell und sehr sachlich. Die Polizisten hätten sie ins Foyer der Schule abgeführt. Dort habe die Hälfte der Protestler auf dem Boden gelegen. Die konnten nicht mehr sitzen, so waren sie misshandelt worden. Zusammen mit den nur Leichtverletzten wurde sie in eine Sammel-Zelle in einer Kaserne gebracht. Irgendwann, in den folgenden Tagen, stieß der Rest wieder dazu. Ein paar hatten Verbände um den Kopf: "Die haben die aus dem Krankenhaus direkt hierher gebracht", erzählt sie. Am Montag ging es für Wagenschein weiter in ein Frauengefängnis, am Mittwoch Richtung österreichische Grenze. "Viele sind in der Gefangenschaft zusammengebrochen", sagt Wagenschein. "Ich dachte: Ich muss stark bleiben."

Und stark wirkt sie auch heute. Sie gibt sehr freundlich Auskunft. Nur, wenn es um sie selbst geht, will sie nicht viel sagen: Sie sei 33, komme aus Kreuzberg. Sie sei freie Mitarbeiterin der "Jungen Welt". Was sie vorher aus Genua geschrieben hat? "Nichts wirklich", sagt der Verlagsleiter. Irgendwie scheint es fast, als sollte kaschiert werden, dass Wagenschein in erster Linie Globalisierungsgegnerin ist und in zweiter Journalistin. Vielleicht weil in der öffentlichen Meinung eine Misshandlung gravierender wiegt, wenn dem Malträtierten eine Presse-Akkreditierung um den Hals hängt, als wenn es ein Palästinensertuch ist.

Dabei sind viele, die heute auf den Gängen der "Jungen Welt" stehen und Wagenschein gut kennen, irgendetwas dazwischen: schreibende Anti-Globalisierungsaktivisten. Da erzählt eine junge Frau mit roten Haaren, dass ein Freund gestern aus Genua zurückgekommen sei: "Dem fehlen alle Zähne." Der Freundin einer anderen hat ein Polizist das Handgelenk gebrochen. Und Kirsten Wagenschein sagt tapfer: "Ich habe wenigstens keine Schläge abbekommen."

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