• Nach dem Gipfel: Von zuckersüß bis bitterböse - Das schwierige Verhältnis des Regierenden mit dem Bundeskanzler

Berlin : Nach dem Gipfel: Von zuckersüß bis bitterböse - Das schwierige Verhältnis des Regierenden mit dem Bundeskanzler

Brigitte Grunert

Wer ist der Herr der Hauptstadt? Auf den Kanzler kommt es an, sagt sich Gerhard Schröder. Und Diepgen findet das gar nicht nett von ihm. Im letzten August verehrte er Schröder als Willkommensgruß beim Einzug in Berlin eine wunderschöne (von Möhring gesponserte) Torte mit Marzipan-Bärchen. Zuckersüß war die Begrüßung, bitter ist der Alltag für den Hauptstadt-Bürgermeister. "Von zwei Landesregierungschefs wurde einer Kanzler, der andere nicht", meint einer aus dem Senat nur süffisant. Früher, ja, da haben sie kollegial die Köpfe zusammengesteckt, etwa als es um die Fusion der Bankgesellschaft mit der Nord-LB ging - die dann doch scheiterte. Vorbei.

Es war natürlich keine Niedertracht Diepgens, dass im Roten Rathaus die Heizung kalt blieb, als man sich im Januar zur gemeinsamen Kabinettssitzung traf. Nur verlief das Treffen auch sonst frostig. Der Senat wollte gleich Nägel mit Köpfen machen und Geldzusagen zum Ausgleich für hauptstadtbediente Sonderlasten einsacken. Schröder blockte ab, und sein Kabinettskollege, Innenminister Otto Schily, sekundierte, Berlin solle mal nicht vergessen, dass es von der Hauptstadtrolle profitiert. Jedenfalls schwelt immerwährend der Streit um die Bundesmittel.

In der Politik geht es gelegentlich zu wie auf einem Bolzplatz. Beim Mitte-Links-Gipfel des Bundeskanzlers am letzten Wochenende war der Regierende einfach Luft. Der Kanzler dachte nicht daran, ihn irgendwie "einzubauen", auch nicht für den amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. "Direkt ulkig", heißt es nun ätzend über Schröders gleich lautende Dankbriefe an alle möglichen Polizeidienststellen des Landes Berlin und des Bundes, an den Bundesgrenzschutz und auch an Verkehrssenator Peter Strieder (SPD). Bei Eberhard Diepgen (CDU) und Innensenator Eckart Werthebach (CDU) bedankte er sich nicht.

Einzige Beruhigungspille: Der Bundeskanzler schrieb Peter Strieder gar nicht persönlich, sondern benutzte wie an alle anderen die Anrede: "Sehr geehrte Damen und Herren." Will sagen, Schröder dankte denen "mit freundlichen Grüßen", die die Arbeit hatten. Berlin habe sich von "seiner besten Seite gezeigt", lobte er, die "ideale Konferenzstadt".

Für warmherzige Worte kann man sich aber nichts kaufen. Eberhard Diepgen schickte dem Gipfel seine Forderung nach Kostenerstattung für den Polizeieinsatz hinterher. Wieder konterte Schily: Die Sicherheit sei Sache der Bundesländer. Überhaupt redet Diepgen immer öffentlich so laut über Forderungen an den Bund, dass manche fürchten, man mache damit auch Bundestagsabgeordnete regelrecht rebellisch.

Gewiss hatte es Diepgen auch mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl schwer. Der hielt die Taschen ebenfalls zugeknöpft und war auch sonst nicht nett zu ihm. Damals tönte die SPD, Diepgen sei ein "Leisetreter" gegenüber Kohl, und überhaupt die Parteifarbe. Nun geht es andersherum. Diepgen haut auf den Tisch, die SPD-Seite mahnt zur Diplomatie, zur einzig hilfreichen Vertraulichkeit der Verhandlungen.

Misstrauen und Eifersucht regieren. Beim Bund gegen die ewig hungrig "jammernden" Berliner (Otto Schily). Und in Eberhard Diepgens Umbebung vermutet man, der Kanzler lasse seinen Berliner Genossen zuliebe "ab und zu Spritzer auf Diepgen fallen". Beispiele fallen dafür wiederum niemandem ein. "Angiften tun sie sich nicht", heißt es. Klar doch, Rempeln reicht.

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