Nach dem Mauerbau : Weihnachten 1961: Das geteilte Fest

24.12.2011 00:00 UhrVon Lothar Heinke
Winterspaziergang zur Grenze. Das erste Weihnachtsfest nach dem Mauerbau machte vielen Berlinerinnen und Berlinern die Trennung von Angehörigen und Freunden noch einmal besonders schmerzlich bewusst. Diese Aufnahme entstand am 26. Dezember 1961 auf der Westseite des Brandenburger Tores. Foto: ullstein bild
Winterspaziergang zur Grenze. Das erste Weihnachtsfest nach dem Mauerbau machte vielen Berlinerinnen und Berlinern die Trennung von Angehörigen und Freunden noch einmal besonders... - Foto: ullstein bild

Vor 50 Jahren war das Weihnachtsfest für die Berliner besonders traurig: Viele mussten ohne Familie und Freunde feiern. Im Westen standen an der Mauer Christbäume, und mancher im Osten nutzte die letzte Chance zur Flucht.

O du fröhliche“ – vor 50 Jahren klang das gerade in Berlin wie ein Hohn. Das erste Weihnachtsfest nach dem Mauerbau, wer wollte sich da schon freuen, jauchzen, gar frohlocken. Nicht länger konnten Familien und Freunde einander frei und ungehindert besuchen, sich unterm Lichterbaum oder beim Gänsebraten treffen – jeder fühlte den Schmerz darüber nun besonders tief. Traurige Weihnachten!

„Meine Oma aus Charlottenburg war immer für die Klöße zuständig, aber nun standen wir ohne Oma und ohne Klöße da“, erinnert sich Christiane Karsten aus Friedrichshain.

„Wir gingen immer als Familie gemeinsam, Ost und West, in die Friedenskirche in Niederschönhausen. Damit war es vorbei“, erzählt Charlotte Paul aus Pankow. Und Klaus Heinze aus Mitte holte sich stets vor dem Fest „ein paar Kleinigkeiten, von der Zigarette bis zum ordentlichen Kaffee, aus Kreuzberg“ – einmal U-Bahnhof Kochstraße und zurück. Ging auch nicht mehr.

Dass sich die Berliner zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder an einer weißen Weihnacht freuen konnten, war nur ein schwacher Trost, zumal die politischen Minusgrade noch weit unter den meteorologischen lagen: In West-Berlin stellte man Kerzen in die Fenster und Weihnachtsbäume an die Mauer, beschwor in Reden die Einheit. Das „Neue Deutschland“ zeterte zurück: „Die Störenfriede scheuen sich nicht, selbst den Tannenbaum zu schänden und als Waffe im psychologischen Krieg zu verwenden. Die Frontstadtgangster wollen, verkleidet als Weihnachtsengel, die friedlichen Weihnachtstage zu Tagen der Furcht und des Schreckens machen. Wir erkennen den Teufel am Pferdefuß, ob er nun als Goebbels oder in der Maske eines Weihnachtsengels daherhinkt.“

Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt hatte ein kurze Ansprache an die DDR-Grenzer auf Band gesprochen, die am Abend des 23. Dezembers per Lautsprecher vom „Studio am Stacheldraht“ gen Osten übertragen wurde: „Die Friedensbotschaft dieser Tage sollte keiner überhören, der Waffen tragen muss.“ Selbst US-Präsident John F. Kennedy wandte sich in einer am ersten Weihnachtstag im SFB ausgestrahlten Sendung direkt an die Menschen in der eingemauerten Halbstadt: „Die Weihnachtslichter des freien Berlin dringen mit ihrem Schein tief in das Dunkel ringsum.“

Ganz abgerissen waren die Kontakte zwischen West und Ost nicht. Die Paketflut Richtung Osten nahm rapide zu, und pfiffige West-Berliner besorgten sich rasch einen bundesdeutschen Pass: Damit wurde man als Besucher in Ost-Berlin zugelassen.

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