Berlin : Nach dem Regierungsumzug: Immer hin und her: Die Pendler

Benjamin Wagener

Freitagnachmittag, 14 Uhr 15, S-Bahnhof Charlottenburg. Der Bahnsteig beginnt sich langsam zu füllen. Wartende Fahrgäste stehen in Gruppen zusammen. Das Gepäck, meist kleine Handkoffer, stapelt sich vor den Informationstafeln. Ein D-Zug fährt zügig am Bahnsteig vorüber. Der Streckenanzeiger wechselt. Statt "Achtung Zugdurchfahrt" erscheint: "Sonderzug: Berlin - Bonn - Bad Godesberg". Planmäßige Abfahrt ist 14 Uhr 26. Pünktlich rollt ein Intercityexpress auf Gleis vier ein.

Es ist der "Beamtenshuttle", der Sonderzug, den der Bundesverkehrsminister extra für die zum Wochenende heimkehrenden Beamten und Angestellten des Parlaments und der Ministerien bestellt hat - dementsprechend hält der Zug zum ersten Mal im Rheinland: Köln Hauptbahnhof. Die weiteren Stationen sind Bonn Hauptbahnhof und eben Bad Godesberg.

Die Atmosphäre im Sonderzug ist ruhig, die wenigen Unterhaltungen sind gedämpft, viele der Reisenden schlafen, lesen oder blättern in Aktenordnern. Nur im Bordbistro geht es lebhafter zu: Die Stimmung ist locker, die ersten Biere zum Feierabend werden bestellt, das Lachen schallt bis in das Restaurant. Aber schon 48 Stunden später werden die meisten Pendler ihr Sachen wieder packen und sich auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz machen - nach Berlin.

"Mein Gefühl ist immer zwiespältig. Einerseits möchte ich für mich Berlin entdecken, aber ich genieße es auch sehr, in die vertraute Bonner Region zu kommen und meine Freunde und Bekannten zu treffen", sagt Christopher Müller. Er ist im Bundesarbeitsministerium beschäftigt und fährt seit gut einem Jahr jede zweite Woche hin und her. So fühlt er sich als "Pendler zwischen zwei Welten". Oft will er allerdings nicht mehr zwischen der Bonner und Berliner Welt hin- und herwechseln. Müller plant, vollständig nach Berlin zu ziehen, denn "irgendwann muß man wissen, wo der Lebensmittelpunkt ist."

Auch Matthias Eppers, der erst seit vier Wochen pendelt, glaubt, dass das wöchentliche Reisen keine Dauerlösung sein kann - allenfalls eine Übergangslösung für eine begrenzten Zeitraum. Eppers überlegt, ganz nach Berlin zu ziehen. "Pendler sind ja nirgends richtig zu Hause", sagt Eppers, der erst im Juli mit dem Umzug des Bundesrats in die Hauptstadt gekommen ist. "Durch das Pendeln muß man unter der Woche länger arbeiten und kommt deswegen kaum in die Stadt. Und das Wochenende ist immer sehr schnell vorbei."

Auf seiner drittletzten Heimreise ist Hans-Theo Prante. Der im Innenministerium beschäftige Pendler will aus ähnlichen Gründen die allwöchentliche Wechselei beenden und nach Berlin ziehen. "Ich möchte zu Hause sein, einen eigenen Hafen haben, ohne immer das Gefühl zu spüren, nur zu Besuch zu sein."

Weniger das Gefühl des Verlorenseins zwischen den zwei Städten und zwei Lebenswelten stört Hans Heinrich Leonhardt, sondern der damit verbundene Stress. Leonhardt, der im Deutschen Bundestag arbeitet, pendelt jede Woche. "Das ständige Reisen, das ewige Hin und Her, das ist sehr ermüdend", sagt Leonhardt, "die Klima-Unterschiede bringen körperliche Belastungen, und man verliert Zeit - Freizeit." Sein Verhältnis zu Berlin nennt er demzufolge auch "ein bisschen ungerecht: Man hat manchmal eine feindliche Beziehung zu Berlin und fühlt sich als Tourist."

Ebenfalls beim Deutschen Bundestag beschäftigt ist Dagmar Quandt. Sie pendelt an drei von vier Wochenenden im Monat und verweist auf noch einen anderen Punkt: "Als Pendler hat man immer zwei Wohnungen, und für eine Frau bedeutet das, dass man auch zwei Haushalte führen muss."

Die Zeit unterwegs nicht missen möchte Wolfgang Mittrach vom Auswärtigen Amt. Für ihn ist das Pendeln als solches keine Belastung. "Ich kann im Zug sitzen, schlafen, lesen und mich dabei gut entspannen. Es belastet weder meine Laune noch mein Gemüt oder meine Physis", sagt Mittrach. "Natürlich würde ich, wenn ich zu Hause wäre, nicht am Fenster sitzen und hinausschauen. Deshalb ist die Zeit schon im gewissen Sinne vertane Zeit."

Die Zeit, die die Wanderer zwischen den Städten während der Woche fern von den heimatlichen Gefilden verbringen, kann jedoch auch Vorteile haben, wie Dagmar Quandt erklärt. "Ich habe in Berlin weniger Termine und bin deshalb viel freier. Dadurch kann man im Büro viel Arbeit aufholen und effektiver arbeiten", sagt sie. Auch Hans Joachim Woelke von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewinnt den in Berlin fehlenden familiären Verpflichtungen durchaus positive Seiten ab. "So kann ich oft viel länger und konzentrierter arbeiten", erzählt Woelke.

Einig sind sich alle Pendler des "Beamtenshuttles" darüber, dass der Zug im Vergleich zum Flugzeug die wesentlich unkompliziertere und einfachere Reisemöglichkeit ist. Beim Fliegen könne man nur minimal Zeit sparen, müsse jedoch viele Nachteile in Kauf nehmen, so Hans Heinrich Leonhardt. "Beim Zug muss man nicht raus nach Schönefeld, hat keine Wartezeit vor dem Einsteigen und keine Kontrollen. Es ist einfach entspannter", meint Hans Theo Prante.

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