Berlin : Nach dem Regierungsumzug: Von Mitte über Schönefeld in die alte Heimat

Stephanie Jochim

Freitagnachmittag, 15 Uhr 30, Flughafen Schönefeld. Wind zerrt am Blazer der jungen Frau. Sie steht alleine an einem Zaun und beobachtet das Treiben auf dem Rollfeld. Neben ihr steht ein kleiner, dunkler Koffer. Ab und zu schaut sie zum Eingang des Terminals hinüber. Eile scheint sie nicht zu haben.

Am Terminal C treffen langsam die Stammkunden ein: Mitarbeiter der Bundesregierung. Peter Wrany durchquert die kleine Schalterhalle und zieht sein Köfferchen hinter sich her. Er ist froh, dass er auf der Passagierliste steht. "Ich habe heute Morgen umbuchen müssen", sagt er. Wrany arbeitet im Finanzministerium und verbringt seine Werktage in Berlin. An den Wochenenden fliegt er nach Hause, Richtung Bonn. Das Pendeln macht ihm nichts aus, sagt er. Lediglich, dass der Flug zwei Wochen im Voraus gebucht werden muss, empfindet er als etwas unpraktisch. Seine Frau wird nicht nach Berlin umziehen. "Ich habe noch zwei Jahre bis zu meiner Pensionierung", sagt Wrany, und so lange wird er auch zu den Pendlern gehören.

Stoßzeit in der Schalterhalle. Die Schlangen an den beiden Schaltern, die den Flug nach Köln-Bonn abwickeln, sind auf die dreifache Länge angewachsen. Man kennt sich, plaudert in Freitagnachmittagslaune mit Kollegen. Auch die Frau im Blazer hat sich angestellt. "Ich fliege zum ersten Mal von Schönefeld nach Bonn. Deshalb habe ich mich auch gerade in die falsche Schlange gestellt", sagt sie und lacht. Normalerweise nimmt sie den Zug. Auch sie arbeitet in einem Ministerium in Berlin und gehörte bislang zu den Wochenend-Pendlern. Aber bald wird sie ihren Wohnsitz in Bonn aufgeben und auch an Sonnabenden und Sonntagen in Berlin bleiben.

"Heimat ist Heimat", findet dagegen Doris Distelrath. Sie ist beim Finanzministerium beschäftigt und pendelt fast jedes Wochenende. Fünf Stunden braucht sie von Haustür zu Haustür. Um am Wochenende zu Hause sein zu können, nimmt sie das aber gern in Kauf.

Auch Wilhelm Siebels lässt sich von der Pendelei nicht stressen. Entspannt sitzt er in einer Ecke der Schalterhalle, beobachtet das Treiben und wartet darauf, dass die Zeit bis zum Einsteigen vergeht. "Fliegen ist abwechslungsreicher als Zugfahren", sagt er. Nur die Unpünktlichkeit kostet den Mitarbeiter des Justizministeriums Nerven.

16 Uhr 40. Die Schalterhalle ist - abgesehen vom Bodenpersonal - menschenleer. Die Passagiere für den 17-Uhr-Flug sind längst alle eingecheckt. Nur ein Mann geht noch seelenruhig vor dem Terminaleingang auf und ab. Ein Blick auf die Uhr. Er tritt in die Schalterhalle, seine Tasche lässig geschultert. Thomas Schmidt steigt jeden Freitag nach getaner Arbeit im Kanzerlamt ins Flugzeug. "Fliegen geht schneller", sagt er. Für ihn ist die Pendelei Routine - und demnächst Schnee von gestern. Seine Frau zieht bald in die Hauptstadt, und Schmidt freut sich. "Dann werde ich Berliner."

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