• Nach dem Schächt-Verbot in Polen: Juden und Muslime in Berlin suchen neue Fleischlieferanten

Nach dem Schächt-Verbot in Polen : Juden und Muslime in Berlin suchen neue Fleischlieferanten

Seit Jahren darf in Berlin nicht mehr betäubungslos geschächtet werden. Eine Genehmigung gäbe es nur unter strengen Auflagen. Weil die Prozedur nun auch in Polen verboten wurde, müssen sich Berliner Händler neue Lieferanten suchen – etwa in Brandenburg.

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In Frankreich ist das betäubungslose Schächten erlaubt. Einige Berliner Lebensmittelgeschäfte importieren koscheres und Halal-Fleisch aus Paris, Antwerpen und sogar Neuseeland. Foto: AFP
In Frankreich ist das betäubungslose Schächten erlaubt. Einige Berliner Lebensmittelgeschäfte importieren koscheres und...Foto: AFP

Vor einer Woche hat das polnische Parlament das betäubungslose Schächten von Tieren verboten. Der Beschluss in Warschau hat auch für Großhändler koscherer Lebensmittel in Berlin Folgen. „Wir sind sehr betroffen von der Entscheidung“, sagt Lali Silber. Sie und ihr Mann beliefern mit ihrem Unternehmen „Lampari“ vom Berliner Großmarkt in der Beusselstraße aus jüdische Gemeinden in ganz Deutschland mit koscheren Weinen, Käse- und Milchprodukten, Süßigkeiten und Fleisch.

Fleisch von geschächteten Tieren aus Polen, Frankreich und Neuseeland

Familie Silber kaufte das Fleisch bisher bei einem großen Produzenten in Polen. „Jetzt ist die Situation sehr ungewiss für uns“, sagt Lali Silber. Sie ist in heller Aufregung. Man könne Fleisch von geschächteten Tieren zwar auch in Frankreich bekommen, doch dort seien die Preise aufgrund der höheren Arbeitskosten viel höher als in Polen. Das Fleisch aus Israel zu importieren, sei wegen der Transportkosten teuer und wegen großer bürokratischer Hürden schwierig. Das koschere Lebensmittelgeschäft „Pläzl“ in der Passauer Straße in Charlottenburg importiert Fleisch allerdings schon jetzt aus Paris und Antwerpen. Andere Händler lassen sich Ware sogar aus Neuseeland schicken.

Ramadan im Berliner Sommer
Ramadan im Sommer: Berlins Muslime haben es da besonders schwer, sie müssen von fünf Uhr früh bis abends um halb zehn fasten. Für Fahri Caglayan ist das Fasten aber auch an langen Sommertagen kein Problem. Der 58jährige Kreuzberger arbeitet bei der BSR und fastet trotz körperlicher Arbeit: "Heimlich hoffen wir natürlich auf kühleres Wetter, dann ist es leichter - aber das dürfen wir den anderen Berlinern nicht sagen. Für mich ist Fasten etwas Wunderbares, ein Monat kein Sodbrennen und immer ein gutes Gefühl." Foto: Alexander HanekeAlle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Alexander Haneke
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Jüdischen Menschen ist es verboten, Blut zu verzehren, da nach biblischer Vorstellung im Blut die Seele wohnt. Nach den jüdischen Speisevorschriften gilt deshalb Fleisch nur dann als „koscher“ (tauglich, rein), wenn es von einem Tier stammt, das ohne Betäubung durch einen Kehlschnitt getötet wurde und vollständig ausgeblutet ist. So sehen es auch die muslimischen Speisegesetze vor, dort heißt das derart gewonnene Fleisch „halal“ (zulässig, erlaubt). In Deutschland ist das betäubungslose Schächten laut Tierschutzgesetz grundsätzlich verboten. Angehörige von

Glaubensgemeinschaften können Ausnahmegenehmigungen beantragen, wenn ihnen ihre Religion zwingend vorschreibt, dass nur Fleisch gegessen werden darf, das von betäubungslos geschächteten Tieren stammt.

Ausnahmeregelung für betäubungsloses Schächten

Die Genehmigungen erteilen die Behörden sehr selten und nur unter strengen Auflagen. So dürfen nur Fachleute das Tier töten, und der Vorgang muss vom zuständigen Veterinäramt überwacht werden. Nach Auskunft der Verbraucherschutzverwaltung wird in Berlin nicht mehr geschächtet. Schon seit vielen Jahren sei keine Ausnahmegenehmigung mehr beantragt worden. Im früheren Schlachthof Beusselstraße wurde nach Auskunft der Behörde noch bis 1997 das Schächten amtlich geduldet.

Während für strenggläubige Juden feststeht, dass das Tier auf keinen Fall betäubt werden darf, bevor ihm die Kehle durchschnitten wird, ist die Frage der Betäubung unter Muslimen umstritten. „Das Tier darf betäubt werden“, sagt Ender Cetin, der Vorsitzende der Sehitlik- Moscheegemeinde am Neuköllner Columbiadamm. „Es muss aber sichergestellt sein, dass das Tier nicht an der Betäubung stirbt.“ Muslimen sei es verboten, verendetes Fleisch zu essen. Erzkonservative Muslime aus der salafistischen Szene wie der Kölner Imam Pierre Vogel wettern gegen die Betäubung.

„Die Berliner Muslime ließen sich davon überzeugen, dass eine Elektrokurzzeitbetäubung mit dem Koran im Einklang steht“, sagt die Sprecherin der Verbraucherschutzverwaltung. Ausnahmegenehmigungen vom betäubungslosen Schächtverbot seien auch deshalb gar nicht mehr nötig gewesen.

Fleischereien beziehen Halal-Fleisch aus Brandenburg

„Das mit dem Verbot, das haben die Polen gut gemacht“, sagt der Geschäftsführer der Fleischerei „Hizmet“ in Neukölln. Schächten ohne Betäubung müsse nicht sein, findet er, das verstoße gegen das Recht. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte der Geschäftsführer, er beziehe sein Fleisch aus Brandenburg. Er beliefert vor allem die Gastronomie und türkische und deutsche Supermärkte.

Auch andere Halal-Fleisch-Großhändler in Berlin verweisen auf Brandenburger Schlachter, ebenso das „Kosher Deli“ in Charlottenburg. Namen der Schlachter mag aber niemand nennen, auch ob die Tiere dort vor der Tötung betäubt werden oder nicht, bleibt auf Nachfrage unklar.

„Unsere Kunden achten genau darauf, ob alle Vorschriften des jüdischen Speisegesetzes eingehalten wurden“, sagt Lali Silber. Vielleicht will sie sich nun bei Schlachtern außerhalb von Berlin informieren, um Ersatz für den polnischen Händler zu finden. Aber vor allem hofft sie, dass es in Polen vielleicht doch wie in Deutschland Ausnahmegenehmigungen für Juden und Muslime geben wird.

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