• Nach dem tragischen Ereignis in der Psychatrie stellt sich die Frage nach gemeinsamer Unterbringung von Mutter und Kind

Berlin : Nach dem tragischen Ereignis in der Psychatrie stellt sich die Frage nach gemeinsamer Unterbringung von Mutter und Kind

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Die Mutter, die in der Psychiatrischen Abteilung der Max-Bürger-Zentrums mutmaßlich ihren zwei Monate alten Sohn getötet hatte, war nach Angaben der Justiz am Mittwoch noch nicht vernehmungsfähig. Auf Anweisung der Justiz wurde sie inzwischen in die Bonhoeffer-Nervenklinik gebracht.

Die 26-Jährige war vor einer Woche im Max-Bürger-Zentrum aufgenommen worden, da sie nach der Geburt ihres Kindes an einer schweren Depression litt. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch durfte sie das Kind mit nehmen. Der Sprecher der Klinik, Ingmar Sütterlin, sagte, dass die Mutter die überprüfenden Ärzte von ihrer Fähigkeit überzeugen konnte, das Kind zu versorgen. "Für die Behandlung schien es sinnvoll zu sein, das Kind dabei zu haben."

Einen depressiven Einbruch erleiden 10 bis 15 Prozent aller Mütter. Das kann bis zu drei Monate nach der Geburt geschehen. Doris Bolk-Weischedel von der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin hebt jedoch hervor, dass dies nicht mit den viel häufiger auftretenden "Heultagen, dem Baby-Blues" verwechselt werden dürfe. Die Depression sei eine Krankheit, die behandelt werden müsse. Seit 15 Jahren biete dazu ihre Psychiatrische Abteilung die gemeinsame Unterbringung von Mutter und Kind an, seit kürzerer Zeit werde dies auch in anderen Kliniken der Stadt, so auch im Max-Bürger-Zentrum, praktiziert.

"Wir haben seit 1985 70 Mutter-Kind-Paare betreut und damit gute Erfahrungen gemacht", sagt Doris Bolk-Weischedel. Es gebe dabei ein "gestuftes Aufnahmeprogramm", bei dem der Kontakt der Mutter zu ihrem Kind nach dem Grad der Erkrankung dosiert werde. "Im akuten Zustand einer Psychose wird selbstverständlich das Baby nicht mit aufgenommen", hebt die Ärztin hervor. Später werde der Kontakt schrittweise aufgebaut - zunächst in Begleitung von Fachpersonal. Allerdings sei bei aller Vorsicht "die Befürchtung immer gegenwärtig", dass nicht Vorhersehbares auch dort geschehe, wo ein Behandlungserfolg bereits erzielt worden sei. "In der modernen Psychiatrie, die sich mehr öffnet, um bessere Heilungsmöglichkeiten zu erzielen, ist die Gefahr ein ständiger Begleiter." Der Vorfall im Max-Bürger-Zentrum müsse ausgewertet werden, um gegebenenfalls die Aufnahmebedingungen für die Kinder noch strenger zu gestalten, als dies bereits der Fall sei.

Wenn psychisch erkrankte Mütter gemeinsam mit ihrem Neugeborenen behandelt würden, habe dies den Vorteil, dass die Schuldgefühle der Frauen gegenüber ihrem Kind geringer seien, sagt Doris Bolk-Weischedel. Bei einer frühzeitigen Trennung könne es dazu kommen, dass die Beziehung zum Kind auch danach sehr lange gestört sei. In anderen Ländern, etwa England, Kanada und Schweden, sei die gemeinsame Unterbringung von Mutter und Kind in der Psychiatrie, das sogenannte "rooming in", viel anerkannter und verbreiteter als in Deutschland. Das Risiko und die Angst, dass etwas schief geht, "das sind die Geister, die uns in der Psychiatrie immer begleiten."

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