Nach dem Urteil : Freudenfeuer und Rauchzeichen

Viele Kneipiers in Berlin sind begeistert, andere fühlen sich dagegen benachteiligt - oder werden jetzt noch ganz andere Schlupflöcher suchen. Für manche Barbetreiber ist auch denkbar, dass sich Berlin jetzt für ein generelles Rauchverbot entscheidet.

Annette Kögel,Jan Oberländer

Die Siegesfeier in der Musikkneipe „Doors“ fand gestern ohne die Chefin statt. Sylvia Thimm, deren Klage zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts geführt hatte, wollte die Nacht noch in Karlsruhe bleiben und erst heute nach Berlin zurückkehren. Deshalb stand Tochter Stefanie, 24, in der Kneipe in der Knaackstraße hinterm Tresen. Die „große Freude“ ihrer Mutter konnte sie nachvollziehen – wie als Beweis steckte sie sich vor Presse-Fotografen selbst eine Zigarette an. Ab sofort hängt vor dem Eingang des Doors ein Schild mit der Aufschrift „Raucherkneipe. Zutritt erst ab 18 Jahren“.

Auch anderswo in Berlins Eckpinten prosteten sich gestern Wirte und Gäste wegen der Nachricht aus Karlsruhe zu. Doch längst nicht alle Barbetreiber waren bester Stimmung – darunter auch diejenigen, die eine kleine Kneipe besitzen, und die den ersten Vorgaben nach schon teuer umgebaut haben. Sie vermuten zudem, dass jetzt Wirte weitere Schlupflöcher suchen – oder doch noch ein komplettes Rauchverbot kommt.

„Ich hab’ aber gleich erstmal wieder alle Ascher auf die Tische gestellt“, sagt Walter Wolf von der Alt-Berliner Einraumkneipe „Zum Elefanten“ am Kreuzberger Heinrichplatz. Er gehört zu den strikten Gegnern des Verbots, wollte dem erst trotzen, beugte sich dann doch den Ordnungsamtskontrolleuren. Beim Umsatz helfe das Urteil derzeit wenig, wegen des warmen Wetters setzten sich alle auf die wenigen Plätze vor die Tür.

Auch in der Einraumkneipe „Hexe“ an der Libauer Straße in Friedrichshain qualmten die Gäste wieder. „Wir sind total zufrieden“, freut sich die Frau am Zapfhahn.

Im „Café Morena“ an der Wiener Straße in Kreuzberg wurde das Urteil mit weniger Begeisterung aufgenommen. „Seit der Rauchverbotsregel ist der Umsatz runtergegangen“, sagt Mitarbeiterin Jana Kukol. Sie findet ungerecht, dass die Gäste in dem 120-Quadratmeter-Bar-Restaurant nicht nach 22 Uhr rauchen dürfen, schließlich würden dann keine Speisen mehr serviert. Auch dass in den Bezirken unterschiedlich stark kontrolliert werde, sei nicht okay. Mit dem Raucherraum, der zu Jahresbeginn angekündigt wurde, hat sich das Morena doch noch Zeit gelassen. Jetzt soll er auf dem großen Bürgersteig vor der Bar mit dem maurisch-mediterranen Flair entstehen, so jedenfalls die Planungen.

Die Betreiber der Bar „Himmelreich“ an der Simon-Dach-Straße waren mit die ersten in der Friedrichshainer Café- Bar-Meile, die im hinteren Bereich einen Raucherraum mit Belüftung eingerichtet haben. 10 000 Euro wurden investiert, auch in die schicke Metall-Glas-Tür, die sich schon Fachbesucher wegen ihrer Beispielhaftigkeit angeschaut haben. „Ich verstehe die Nöte der Betreiber der kleinen Kneipen“, sagt Geschäftsleitungs-Assistent Crispin Prill, „aber de facto ist das jetzt eine Wettbewerksverzerrung zuungusten von Läden wie unserem.“

Geschäftsführer Björn Schmidt weiß, „dass das Gesetz bei vielen keine Akzeptanz findet, weil es in vielen Punkten nicht durchdacht ist. Deshalb bin ich schon gespannt darauf, welche neuen Schlupflöcher sich Gastronomen jetzt so suchen.“ Sei es, dass in kleineren Läden mit einem Durchgang diese Mauerteile eingerissen werden, um zur Einraumkneipe zu werden. Andere Betreiber würden versuchen, ihre Bar so umzugestalten, dass sie unter die 75-Quadratmeter-Grenze fällt – oder in einem Miniladen neu eröffnen. Unterm Strich wäre es „viel sinnvoller gewesen, wenn sich Politiker, Ämtervertreter und Gastronomen zusammengesetzt hätten, um langfristig wirklich sinnvolle Regelungen zu entwickeln“. Kollege Prill hält das Vorgehen der EU in Sachen Nichtraucherschutz für nicht konsequent: „Nach wie vor subventioniert sie den Tabakanbau mit viel Geld, das passt doch vorne und hinten nicht“. Er hält es für denkbar, dass der Senat ähnlich wie in Bayern doch ein generelles Rauchverbot ausspricht. Wirtin Sylvia Thimm hingegen kann sich das „nicht vorstellen“. Die „Lobby der Raucher“ sei viel zu stark.

Jean-Pierre Ebert, der Betreiber der Riva-Bar in der Dircksenstraße in Mitte, ist von dem Urteil indes nicht sonderlich beeindruckt. Bereits seit Anfang des Jahres stehen in Eberts Cocktailbar keine Aschenbecher mehr auf den Tischen. „Und dabei wird es auch bleiben“. Ebert selbst freut sich an einem langem Tag hinter dem Tresen über frische Luft. „Außerdem“, lacht er, „ist es doch einfach netter, wenn man das Parfum seiner Begleiterin riechen kann."

Eberts Bar hat auch den Wettbewerbsvorteil, eine Terrasse zu haben, auf der Raucher sich unter freiem Himmel eine anstecken können. Auch gibt es keine Anwohner, die sich – wie jetzt zunehmend vielerorts in der Stadt – nachts durch Gespräche gestört fühlen könnten. Zudem werde die rauchfreie Riva-Bar von den Gästen gut angenommen. „Höchstens ein Mal im Monat“ beklage sich mal einer, der gern auch drinnen rauchen würde. Aber das geht eben nicht, und Ebert findet es gut so. Und das, obwohl er selbst Raucher ist.

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