NACH DEM VOLKSENTSCHEID : Gleiches Ziel, verschiedene Wege

Der Streit um die Zukunft des Flughafens Tempelhof spaltet die Stadt. Tief im Osten gab es die meisten Jastimmen und in Pankow die meisten Neinsager: Der Kampf gegen den Fluglärm eint beide Orte

Stefan Jacobs

Ist das Ergebnis überhaupt gültig? An den Gaslaternen hängen Wahlplakate – verbotenerweise direkt vor dem Abstimmungslokal. „Ja zu Tempelhof“, fordern die Plakate, weil Köpenick durch die Flughafenpolitik und den Lärm von BBI ruiniert werde. Konkurrenzlose 94,3 Prozent haben an der Rohrwallallee in Karolinenhof „Ja zu Tempelhof“ gesagt, bei stolzen 48 Prozent Beteiligung. Auch in den anderen Villengegenden hier waren es über 80 Prozent. Viel mehr als im Westen.

Südostwind weht durch die alten Birken. Heute ist es in Karolinenhof besonders laut, weil die Flugzeuge mit Vollgas ostwärts starten. Ein Paar mit Hund spaziert vorbei; die beiden sind nach der Wende hergezogen. „Mit Schönefeld, wie es ist, könnte man leben“, sagt sie. „Aber wir sind ziemlich geschlossen gegen die Dimension von BBI.“ Sie fürchten, dass das Nachtflugverbot gelockert wird, und schauen skeptisch auf die Dreckspuren hinter den Jets. „Wer weiß, was in zehn Jahren mit unseren Bronchien ist.“

Ein Mittfünfziger sagt, er habe nicht abgestimmt. „Eine Stadt braucht einen Flughafen, und irgendwer muss in den sauren Apfel beißen.“ Vielleicht werde seine Miete ja sogar billiger, wenn der Lärm zunimmt. „Aber ich verstehe den Ärger vieler Eigentümer“, sagt der Mann. In einem Nachwendehaus ist eine Maisonette frei. 140 Quadratmeter, Seeblick, Bootssteg. Für 395 000 Euro – also mehr als 2800 pro Quadratmeter. Teurer geht’s kaum im Osten. „Bis jetzt war der Lärm bei Besichtigungen kein großes Thema“, sagt der Eigentümer durchs Telefon. Andererseits steht die Wohnung schon lange leer, obwohl die Lage unschlagbar ist.

Einer mit Sonnenbrille im Bürstenhaar bekommt erst mal einen Lachkrampf, als er von den 94 Prozent erfährt. Auch er ist Mieter. „Wenn’s mir zu laut wird, ziehe ich weg“, sagt er fröhlich. Und dann, ernster: „Wenn wir Besuch haben, zuckt der schon zusammen, wenn ein Flugzeug über den Balkon kommt. Wenn mir die Wohnung gehören würde, wäre mir der Wertverlust nicht egal.“ Über 40 Prozent Minus sollen es bereits sein. Das verkündet jedenfalls ein Anti-Schönefeld-Schild an einem Gartenzaun. Karolinenhof war immer eine Gegend der besseren Leute. Die wollen ihre Ruhe – in jeder Hinsicht.

Die Gegend hier ist keine konservative Hochburg, sondern wählte stets ausgewogen: SPD knapp vor Linken und CDU; Grüne und FDP knapp zweistellig. Insofern sind die 94 Prozent auch ein Warnschuss an die Politik: Die Leute freuen sich offensichtlich nicht auf die Jobmaschine BBI. Der Sonntag war die letzte Chance, das Milliardenprojekt zu sabotieren.

Bürgermeisterin Gabriele Schöttler (SPD) sieht am Montag „kein Zeichen von Politikverdrossenheit“: Im Gesamtbezirk habe das Nein zu Tempelhof – und damit das Ja zu BBI – klar überwogen. Aber sie verstehe den Ärger der Betroffenen. „Wir werden sehr streng darauf achten, dass das Nachtflugverbot eingehalten wird“, versichert sie. Einer freut sich richtig ausgelassen: Udo Haase, parteiloser Bürgermeister von Schönefeld: „Nun ist alles schön“, sagt er. Er ist zwar fast vom Stuhl gefallen, als er Friedbert Pflüger im Fernsehen motzen sah. Aber jetzt will er sich einfach freuen. Auf eine Diskussion über Jobmaschine kontra Lärm mag er sich nicht einlassen. Nur beiläufig sagt er dann doch, dass man die Leute in der Einflugschneise verstehen könne.Stefan Jacobs

Am häufigsten Nein zum Flugbetrieb in Tempelhof sagten am Sonntag die Pankower im Stimmbezirk 03313 in der Pestalozzistraße: 83,7 Prozent kreuzten das Nein zum weiteren Flugbetrieb an. Der Grund für die deutliche Ablehnung ist in erster Linie ein akustischer: Die Bewohner der idyllischen Pestalozzistraße– gepflegte Altbauten, sanierte Neubauten, ein Altenheim, ein Kinderspielplatz – wissen, was es bedeutet, in der Einflugschneise zu leben, der Einflugschneise des Flughafens Tegel. „Am Wochenende fliegt fast alle zwei Minuten eine Maschine über mein Dach hinweg“, sagt Matthias Krone, der seit Jahren hier wohnt. „Mit dem Nein zu Tempelhof sagen wir natürlich auch Nein zu Tegel“, sagt eine junge Mutter auf dem Kinderspielplatz hinter der Pestalozzistraße, „und ja zu Schönefeld.“ Damit die Lärmbelastung durch die Flugzeuge in weite Ferne rückt. In ganz Pankow kamen am Sonntag 28,4 Prozent der Bewohner in die Wahllokale, 34 Prozent stimmten mit Ja, 65,7 Prozent mit Nein.

„Ich habe zwar gute Fenster, doch ich kann nachts nicht mal im Hochsommer mein Fenster offen lassen“, sagt ein Rentner, der das schöne Wetter für einen Spaziergang nutzt. Zwischen Vogelgezwitscher und das Schreien spielender Kinder schiebt sich ein tiefes Brummen: Das nächste Flugzeug taucht am Himmel auf und fliegt über den Spielplatz und die Dächer. „Mich stört aber auch die Vorstellung, dass Tempelhof nur noch für die Superreichen sein soll“, fügt der Rentner hinzu, als sich der Kondensstreifen über dem Spielplatz langsam auflöst. Der Flughafen in Schönefeld werde doch für alle Fluggäste ausreichen.

Dass sie um die historische Rolle von Tempelhof wissen, betonen viele Bewohner. Und auch, dass ihr Nein nicht nur dem egoistischen Argument der eigenen Lärmbelastung geschuldet ist. „Ich studiere selber Geschichte“, sagt ein Anwohner, „aber ich glaube, dass Tempelhof auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht haltbar ist.“ Trotzdem wäre es ihm natürlich lieber, wenn Schönefeld die Flughäfen Tempelhof und Tegel ersetzt.

Imbissbudenbesitzer Lothar Ethè, der seinen Wagen unweit der Pestalozzistraße aufgestellt hat, war am Sonntag nicht wählen. „Ich habe mich an den Fluglärm gewöhnt“, sagt er. „Und egal, wie die Entscheidung ausfällt“, sagt ein Stammkunde, „jede Variante kostet eine Stange Geld.“

Eine ältere Dame läuft am Imbissstand vorbei und hält sich die Ohren zu, als der nächste Flieger vorüberlärmt. „Ich kann mich noch gut an die Luftbrücke erinnern“, sagt sie. Inzwischen seien aber doch ein paar Jahrzehnte vergangen. „Und wir werden Tempelhof doch nicht vergessen, bloß weil dort in Zukunft vielleicht keine Flugzeuge mehr starten.“ Rita Nikolow

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