Berlin : Nach dem Wassereinbruch: Tunnelkommt in den Gefrierschrank

CHRISTOPH STOLLOWSKY

Bahnröhren sollen trotz Unglücks pünktlich fertig sein / Havarieursache noch unklarVON CHRISTOPH STOLLOWSKY- BERLIN.Der neue Fernbahn-Tunnel unter dem Tiergarten und dem Südrand des künftigen Regierungsviertels soll trotz des Wassereinbruches vor knapp drei Monaten termingerecht fertig werden."Wir halten an der geplante Einweihung im Jahre 2002 festÒ, versicherte gestern ein Sprecher des Bauherrn, der Bahn AG.-In der kommenden Woche beginnen die Sanierungsarbeiten an der Unglücksstelle, sie werden voraussichtlich zwei bis drei Monate dauern.Erst danach können die bereits um elf Wochen verzögerten Bohrarbeiten am südlichen Ende des Jahrhundertbauwerks beginnen.Die Ursache des Wassereinbruches, der einen zweistelligen Millionenschaden verursachte, ist weiterhin rätselhaft.Endgültige Untersuchungsergebnisse sollen nicht vor Frühjahr 1998 vorliegen. Dank eines simplen Schachzuges wollen die Tunnelbauer zumindest keine weitere Zeit verlieren und Termine halten: Bisher sollten die Röhren im unterirdischen Schildvortrieb zugleich im Süden am Landwehrkanal und im Norden am Reichstag begonnen werden.Zwei riesige Bohrmaschinen mit einem Durchmesser von zehn Metern hätten sich aufeinander zubewegt.Nun sollen sich beide nebeneinander mit Hochdruck von der Baugrube am Reichstag aus in Richtung Kreuzberg wühlen, zumindest solange, bis die Bohrarbeiten auch von Süden her wieder möglich sind.Dort hatte sich das Unglück am 9.Juli beim Montieren der Schildvortriebsmaschine ereignet.Das geschieht in riesigen Betonkästen, die an beiden Enden des Tunnels rund 17 Meter unter den Grundwasserspiegel in die Erde versenkt werden.Hier läßt sich der Mammut-Bohrer im Trockenen in Betrieb nehmen.Danach hätte er sich durch die Südwand des Senkkastens gefressen und wäre hinter dieser auf einen Dichtungsblock aus fünf Meter starkem Beton gestoßen, den er ebenfalls durchdringen muß, bis seine Wühlarbeit beginnt.Der Dichtungsblock dient als Propfen, er soll einen zu frühen Wassereinbruch während des Starts der Maschine verhindern, die später ein eigenes Dichtungssystem aufbaut. Doch im vergangenen Juli ging dieses Konzept nicht auf.Obwohl der Dichtungsblock nach Darstellung der Baufirmen sorgfältig untersucht worden war, hatte er eine Schwachstelle.Als der Bohrer sich in die Senkkastenwand fraß, schossen Wasserstrahlen hervor und rissen Beton in großen Brocken fort.Mehrere hundert Kubikmeter Grundwasser drangen in den Kasten, die Erde drumherum senkte sich zum Krater. Den zur Zeit unter Wasser stehenden Senkkasten will man vom kommenden Montag an mit einer ungewöhnlichen Methode sanieren.Dabei wird der marode Dichtblock in einen dicken Eispanzer gehüllt, der dem Grundwasser standhält.Um dies zu erreichen, bohren die Tunnelbauer Vereisungsrohre in den Betonpropfen und pumpen durch diese eine Kühlflüssigkeit.Binnen vier Wochen entsteht ein gewaltiger Gefrierschrank mit minus zehn Grad Celsius im Erdreich und übernimmt nun die Funktion des Dichtblocks. Mit Hilfe von Computersimulationen fahnden Ingenieure der Technischen Hochschule Darmstadt unterdessen nach den Ursachen des Unglücks.Sie arbeiten unter der Regie des Direktors des Instituts für Geotechnik der TH Darmstadt, Professor Rolf Katzenbach, und dessen Partner Hubert Quick.Beide haben die Fundamentierung mehrerer Regierungsbauten beurteilt und sind als unabhängige Gutachter bestellt.

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