Berlin : Nach den Anschlägen: Das Leben geht weiter - aber wie halten wir das aus?

Bernd Matthies

Der 11. September hat die Welt verändert - das ist schnell gesagt und ohne jeden Zweifel richtig. Doch während die Folgen dieser Veränderung für die Weltpolitik in jeder Nachrichtensendung deutlich werden, entziehen sie sich der Konkretisierung, soweit sie das alltägliche Leben betreffen, auch in Berlin, einer Stadt, die auf der Liste möglicher Terrorziele ziemlich weit oben steht. Das Leben geht weiter - aber was denken wir uns dabei?

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Offenkundig: Jedem von uns ist die Erkenntnis ein Stück mehr ins Bewusstsein gerückt, dass jeder Tag der letzte sein kann. Eine Binsenweisheit, denn Verkehrsunfälle oder Herzinfarkte drohen jedem von uns; dennoch haben die Bilder aus New York die Angst vor Tod und Terror um ein Vielfaches verstärkt, und die verantwortlichen Politiker müssen mit dem Versuch scheitern, dieses Gefühl zu dämpfen. Also blicken wir furchtsam nach oben. Da war schon lange nichts Bedrohliches mehr, nicht seit dem Zweiten Weltkrieg, aber die Bilder aus New York haben diese über lange Jahrzehnte gewonnene Sicherheit zerstört: Jedes Flugzeug ruft in uns Gefahrinstinkte wach wie die Silhouette des Storchs beim Frosch. Unter der Erde sieht es nicht viel besser aus, denn gerade die Tunnel des Nahverkehrs gelten ja als Angriffspunkte, wie die Giftgasanschläge in Tokio seinerzeit bewiesen haben - terroristische Akte, die einen ähnlich bodenlosen Schrecken um die Welt geschickt haben. Ist dieser Tasche an der U-Bahn-Tür ein Fahrgast zuzuordnen, und sieht er harmlos aus?

Wir sind entschlossen, uns zu amüsieren, meiden aber klammheimlich die ganz großen Veranstaltungsorte: Kann es nicht ausnahmsweise mal ein kleineres Kino sein? Am Stadtrand, wo kein Terrorist hinfindet? Partys sind kein richtiges Thema; sie finden zwar in verminderter Zahl statt, machen aber wenig Spaß, kein Wunder, wenn die Presse nicht geneigt ist, sie groß zu feiern. Andererseits bringt uns der große Schrecken dazu, den ganz kleinen ein wenig milder zu sehen: Die idiotisch zerkratzten U-Bahn-Fenster beispielsweise - sind sie nicht doch nur eine Petitesse? Täuscht der Eindruck, dass die Verkäufer der Obdachlosenzeitungen etwas freundlicher behandelt werden?

Es wäre kein Wunder, schwächte diese Generalattacke auf unsere Psyche nicht auch das körperliche Immunsystem. Schon schrecken Meldungen über eine ungewöhnlich frühe Grippeepidemie, die dadurch befördert werde; nur ganz am Rande wird erwähnt, dass es sich wohl eher um gehäufte Infekte wegen des saisonal unüblichen nasskalten Wetters handelt.

Aber es muss doch möglich sein, konkretere Folgen des Terrors aufzuspüren, zum Beispiel in unserem Geldbeutel. Wie ist es mit den größeren Anschaffungen? Das Auto ächzt und knirscht, klarer Fall für eine Neuanschaffung. Aber jetzt? Friedhelm Dethloff, der Leiter der Eduard-Winter-Geschäftsstelle am Kurfürstendamm, hat kein verändertes Käuferverhalten festgestellt. Es habe keine wegen des Anschlags abgebrochenen Kaufverhandlungen gegeben, und es sei auch kein Kunde deshalb von größeren auf kleinere Modelle umgestiegen. Die Betroffenheit von Kunden und Mitarbeitern über die Ereignisse sei deutlich spürbar, sagt auch Joachim Ackermann, der Sprecher der Berliner Niederlassung von Daimler-Benz: Aber die Anschaffung eines Autos werde in aller Regel langfristig geplant und nicht wegen aktueller Weltereignisse verschoben. Auch die Immobilienmakler haben derzeit keine Indizien für ein verändertes Käuferverhalten. Der Markt sei viel zu träge, als dass Reaktionen auf globale politische Entwicklungen so schnell spürbar werden könnten, sagt Eugen Schnoor, der Leiter des Bewertungsausschusses beim Ring Deutscher Makler in Berlin. Selbst der Golfkrieg habe auf den hiesigen Markt keinen messbaren Einfluss gehabt.

Dennoch steckt jeder Einzelne von uns bei allen großen Kaufentscheidungen jetzt in einem kaum lösbaren Dilemma. Wer sich zurückhält, dreht die Spirale der Rezession ein wenig weiter, wer investiert, ist möglicherweise hinterher der Dumme. Beispiel Heizöl: Jetzt teuer kaufen in einem durch Nervosität geprägten Markt - oder abwarten, bis sich die Aufregung gelegt hat? Nur kann in ein paar Wochen mehr Krieg sein, und dann ist alles noch teurer. Und wir müssen noch einmal darüber nachdenken, ob sich unsere Welt schon wieder verändert hat.

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