Berlin : Nach den Terroranschlägen: Niemand will mehr nach New York

Thomas Loy

Der deutsche Pauschal-Urlauber ist ein sensibles Wesen. Wo schlechte Nachrichten herkommen, da möchte er nicht hin. Das trifft manchmal halbe Kontinente - ganz pauschal. "Nicht in arabische Länder" möchte der Kunde, sagt Anabela Dias vom Last-Minute-Anbieter "Discount Travel", "auch nicht drüberfliegen." Zu den USA und speziell New York gebe es nicht einmal Nachfragen. Das Reisegeschäft stockt. Auf den Flughäfen Berlins ist die Zahl der Passagiere um 20 Prozent gesunken. Wenn die Luft nach Krieg riecht, bleiben viele lieber am Boden. Oder buchen um: Beliebt sind Spanien und Griechenland, aber da ist der Markt eigentlich schon "total zu", sagt Reisefachfrau Dias. Alexa Strömer von "Europa-Reisen" hat einige Stornierungen in die USA und den Nahen Osten hinnehmen müssen. Das habe sich geschäftlich schon ausgewirkt.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Umstimmen ließen sich die Kunden nicht. "Wenn jemand Angst hat, dass der III. Weltkrieg ausbricht, kann man nicht viel machen", sagt Ute Arnold von ATS-Reisen am Südstern. Täglich kämen drei bis vier Kunden, um ihre Reise abzusagen. Das sei "frustrierend", da für Afrika und den Nahen Osten gerade Hauptreisezeit ist. Für ihr Büro beziffert sie den Umsatzausfall auf 50 000 Mark. Das sei aber noch verkraftbar. Vielleicht kommen die Kunden ja später wieder, um was Neues zu buchen.

In die USA oder in arabische Länder fliegt niemand mehr "aus Jux und Tollerei", hat Lars Höcker von "Last Minute Tours" festgestellt. Einige Leute möchten stornieren. Gegenwärtig würde Höcker selber ungern in ein Flugzeug steigen - wegen latenter Flugangst, die durch gewisse Eindrücke noch verschärft werden könnte: "Da muss nur ein orientalisch aussehender Mann im Flieger sitzen..." Natürlich sei diese Angst völlig irrational und unbegründet, aber das zeichnet das Phänomen Angst ja gerade aus.

"Ich bin der Meinung, der Teufel kann uns überall holen", sagt dagegen Michael Walther vom Reisebüro Albatros seinen Kunden. Offenbar überzeugend. Bisher haben nur zwei Kunden ihre Reisen storniert, nach Kuba und Griechenland. "Reine Flugangst", konstatiert Walther. Die Reisebuchungen seien wegen der politischen Krise nicht eingebrochen. Nur das Ziel USA und besonders New York würden gar nicht mehr nachgefragt. "Dabei ist der Herbst die Hauptreisezeit für New York."

Tapfer hält auch das Reisebüro Geoplan - Schwerpunkt Asien und die Emirate - gegen den Trend. Ein Kunde wollte nicht nach Dubai fliegen, weil die USA von dort aus womöglich Afghanistan angreifen. Dafür hat Geschäftsführer Stefan Kraft Verständnis, für alles Fernere nicht. "Thailand ist 6000 Kilometer von Afghanistan entfernt." Dass die Anschläge die Neugier auf die Welt nachhaltig beschädigt haben könnten, glaubt niemand in der Branche. "Das wird sich wieder stabilisieren", meint Egon Dobert von ATS-Reisen. Auch Last-Minute-Experte Höcker ist fest davon überzeugt, dass die Gabe des Vergessens alles wieder richten wird.

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